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Ich weiß nicht mehr, wer wen geküsst hat, er mich oder ich ihn. Aber eines weiß ich genau: Es war der unglaublichste Kuss, den ich je bekommen habe. Irgendwann hörte Heribert dann auf, mich zu küssen.” (Zitat aus einer neu erschienenen, wahren Liebesgeschichte)
Grrh!
Ich würde es den unglaublichsten Kuss meines Lebens nennen, wenn sich alles im Bauch zusammengezogen und der Schambereich pulsiert hätte, Beine zittern, Finger schwitzen und kribbeln, Ohren rauschen, Brustwarzen sich verhärten und die Zungen miteinander spielen würden, die Lippen sich nicht mehr voneinander lösen wollten … oder so.
Na ja. Jedenfalls hörte ich an dieser Stelle auf, das Buch zu lesen. Legte es endgültig weg, weil der Schreibstil verhinderte, dass ich mich auf die Handlung konzentrieren und positive Gefühle beim Lesen entwickeln konnte. Doch ich war längst zur Lesung des nämlichen Buches eingeladen worden, fuhr hin – und wurde unsagbar überrascht.
Die Veranstaltung war professionell vorbereitet worden, die Autorin sympathisch, der verpflichtete Schauspieler genial, auch Moderator, Einlasskräfte, Catering und Büchertisch der örtlichen Buchhändlerin optimal aufeinander abgestimmt. Die Marketingmaßnahmen via Facebook und Regionalpresse hatten gegriffen, der Saal füllte sich mit einem bunt gemischten Publikum. Verwandte, Freunde, Bekannte, Fremde wie ich und ehemalige Lehrer der Autorin nahmen Platz und lauschten der wirklich gelungenen Präsentation.
Wäre doch nur das Buch selbst auch so annehmbar!
Aber ich krümmte mich innerlich bei den Passagen à la “Beim Eintreten brummte er ‘Mahlzeit’, wir antworteten ebenfalls mit ‘Mahlzeit’ … Alle wünschten ‘Mahlzeit’…” – im Gegensatz zu den Lehrern.
Die schienen sich nicht zu wundern, dass diese Sätze von einer studierten Journalistin und Redakteurin stammten und innerhalb von vier Wochen von einem renommierten Verlag angenommen worden waren. Auch die anderen knapp 200 Zuhörer klatschten begeistert Beifall, lachten entzückt und etliche reihten sich in die Schlange ein, um das Buch käuflich zu erwerben. Veranlassten somit die Buchhändlerin (die über meine Bücher meint, dass diese zu unverständlich für viele ihrer Kunden wären) zu einem seligen: “Sie schreibt, wie man spricht, aber es liest sich gut.”
Tja, da hätte mich wohl eine andere Muse küssen sollen … um das verstehen zu können.
Vor ca. einem halben Jahr bekam ich eine überraschende Kontaktanfrage von einem algerischen Schriftsteller und Journalisten über seine französische Adresse.
Nicht, dass ich ausschließlich an einen Irrtum glaubte … aber ich wunderte mich zu dieser Zeit schon über eine Fremde aus Nashville, TN U.S.A., die mich wegen einer Wohnung im kleinen Uebigau in die Spur schickte.
Na, aber da ich schon immer meine Sprachkenntnisse auffrischen wollte, antwortete ich also auch diesem netten Mann und bekam einen Tag später seinen auf deutsch formulierten Fragebogen.
Da allerdings dort unter anderem meine Meinung zu den arabischen Revolutionen gefragt war, überwog wieder meine Skepsis …
Doch Rachid Filali, der Journalist, blieb hartnäckig und fragte nach drei Tagen ausgesucht energisch-höflich nach.
Also legte ich alles weg, woran ich gerade arbeitete, nahm mir den Fragebogen vor und beantwortete, warum ich mich mit der Geschichte beschäftige. Ob ich nur von und über Mächtige schreibe oder auch über Schwache und „marginale“, was ich jetzt lese und welches Buch die größten Auswirkungen auf mich hatte.
Er bedankte sich wieder ausgesprochen galant (hmm, das könnte man wirklich auch in diesem Land zur Pflicht machen
) – und schickte mir gestern das im Journal of Saudi-Arabien “Arabiyat International” (auf arabisch
) veröffentlichte Interview.
Ach wie gut, dass es Übersetzungsprogramme gibt. So konnte ich mich (erneut) an meinen Sätzen erfreuen … und nicht länger darüber grübeln, wie sie außerhalb des Landes auf mich gekommen sind.
Offenbar sind meine Gedanken doch von internationalem Interesse
.
(Teil 10, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)
„Sprich endlich mit mir, MM!“ Anika sieht ihn prüfend an. „Was ist aus deinen Träumen, was ist aus dem sich hoffnungsvoll ausbreitenden Yannik honey fungus geworden?“ Sie greift in ihre Tasche und zieht einen Stapel Papiere heraus.
„Rekapitulieren wir mal. Zuerst war doch dein Manuskript zu speziell geraten. Deshalb hast du alles für eine umfangreichere Leserschaft umgeschrieben. Damit war es aber zu fade geworden und reif für den Plan B.“
„Hast du gemeint!“ Er funkelt sie an. „Ich fand es universeller.“
„Hmm“, sie schmunzelt zurück, „wie auch immer. Jedenfalls war es höchste Zeit für einige Aufreger in deinem Leben.“
„Die ich ja in Netzwerken und Ratgebern gefunden habe“, er winkt ab. „Und ich habe auch ohne eigenen Glamour und Exzesse genügend Schlüpfrigkeit und Doppeldeutigkeit in mein Werk eingebaut.“
„Meinst du wirklich“, sie wedelt mit den Papieren, „dass das für die richtigen Leute gereicht hat? Hast du schon vergessen, wie du von den anderen über den Tisch gezogen werden solltest?“
„Das hab ich genauso wenig wie deine Hilfe in Bezug auf das Auftreten gegenüber Verlagen und Agenturen. Ich hatte ja dadurch das Exposé angepasst und so den Interessenten gefunden.“
„Stimmt“, sie legt die Papiere ordentlich ab und beugt sich grinsend vor, „das hatte mit dem Lektor und Plan B geklappt . Aber …“, sie lässt das Grinsen entweichen und schaut ihn wieder durchdringend an, „seitdem ist doch so viel Zeit vergangen, dass ich dein Buch schon längst hätte entdecken müssen.“
„Es ist vergriffen.“
„Wahnsinn! Und wieso bist du dann so miesepetrig drauf, gerade so, als ob man dich retten müsste?“
„Vielleicht, weil ich durch das Schreiben und Vermarkten verletzlicher geworden bin und erst in der vorigen Woche wieder beunruhigende Sachen gelesen habe?“
„Was hat dich denn erschüttert?“
„Dass man trotz aller Liebe zum Bücherschreiben und der Treue zu sich selbst ganz schön wandelbar sein muss. Erst dünnhäutig, dann mit einem Schildkrötenpanzer, wie die gestandene Autorin Carmen Winter meint.“
„Wenn es dem Erfolg dient, warum nicht.“
„Na ja, Erfolg ist relativ. Ich kann mich nicht ständig verbiegen, nur weil es die Vertriebler verlangen. Eher halte ich es mit Hans Pleschinski, der sich trotzig vom Markt abkoppelt und gewollt unverdaulich ist.“
„Meinetwegen sei auch das, Hauptsache, du verkaufst dich.“ Sie lacht schallend – und merkt erst ziemlich spät, dass er nicht einstimmt.
Ich liebe ja Krimis, Psychothriller und – wenn ich gut drauf bin – auch Horror und Mystery.
Ich mag auch Kinder, klein, naiv, unschuldig und schützenswert.
Und ich wäre nie von allein auf die Idee gekommen, beides zu „vermischen“, mit Kindern Horrorszenen zu besprechen.
Aber die Kinder in einem meiner letzten Workshops wollten das – und verblüfften mich damit total.
Wo war die Begeisterung für „Biene Maja“ oder „Shrek!“, „101 Dalmatiner“, „Zurück in die Zukunft“ oder meinetwegen auch „Barbie und …“ geblieben?
Nichts davon wollten die Zehn- und Elfjährigen kreativ beschreiben, nur eine Geschichte mit Mord und Verfolgungsangst, mit Wasserleichen, faulendem Fleisch, Sägen à la Jig Saw und Bomben auf die Heimatstadt … und was taten sie, als ich ihnen von meinem Entsetzen bei den „Star Wars“-Neuverfilmungen berichtete, meinem Ekel bei den Leidensszenen von Anakin Skywalker, dem Abschneiden von Beinen und Verbrennen im Lavastrom?
Sie lächelten milde und erklärten mir ihrerseits das Normale, das Gewohnte an solchen Massakern wie in „Chucky – die Mörderpuppe“, Saw I bis IV, „Sieben“, „The House of Wax“ … mit Äxten, Drähten, Fallen, Kettensägen …
Klar, damit ist unser Nachwuchs bestens gerüstet. Bereit, um alles leicht zu zerstückeln …
… eine Geschichte zuzusagen. Sie tatsächlich zu schreiben, dauert erheblich länger.
Noch dazu, wenn sich der Himmel zusehends verdunkelt, die Regentropfen nun stärker gegen die Fenster klatschen und aufs Dach trommeln, die Blitze zucken und der Donner grollt. Doch ich schreibe weiter. Am Notebook – mit Akku, nur für alle Fälle – während Kaiser Nero den Schwanz einzieht und leise winselt. Ich kann mich damit nicht befassen, schließlich habe ich einen Abgabetermin für die neue Geschichte. Eine, in der gerade Mühlberg, der Ort meiner Handlung, verwüstet wird.
Und plötzlich ist es Realität.
Ich werde von Freunden benachrichtigt – höre und sehe, wie Dächer in Mühlberg von Bäumen zerdonnert werden, die Klosterkirche ihre Spitze verliert, die Einwohner um Häuser und Autos bangen, plötzlich Äste, Zweige und Regenpfützen in ihren Zimmern vorfinden, entsetzt den Sturm beobachten.
Und dann ist der Spuk vorbei. Hat nur wenige Minuten gedauert.
(Teil 9, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)
„Wie hast du das geschafft, wie den Verlag für dich interessieren können, MM?“, fragt Anika bewundernd und ordnet den Stapel Papiere.
„Müller-Meier ist out.” Er tippt auf das Deckblatt, fährt pathetisch mit dem Finger über die Autorenangaben. „Du sprichst jetzt mit Yannik honey fungus, der sich in der Verlagsbranche ausbreiten wird wie ein Pilz im Wald, voll mit Sporen, getragen vom Wind, umspielt vom Regen.“
„Bist du unter die Biologen gegangen?“
„Quatsch. Aber die Lektorin des Verlages möchte“, er zieht eine Seite mit Anmerkungen hervor, „dass ich zum Beispiel bildhafter schreibe. Also übe ich das.“
„Was will sie noch?“
„Dass ich meine Handlungsstränge mehr ausrichte und“, er seufzt, „einige Passagen komplett umschreibe.“
„Sie hat sich in der kurzen Zeit dermaßen eingelesen?“ Anikas Verblüffung wird fühlbar. „Dann musst du mit deiner Idee ja zum richtigen Zeitpunkt gekommen sein, offene Türen eingerannt haben.“
„Ja“, er lacht auf, „die Tür zu ihrem Büro war offen gewesen, als ich im Verlag vorbeischaute.“
„Und sie hat sich gleich um dich gekümmert?“ Misstrauisch schürzt Anika die Lippen. „Ihre Regale waren nicht voll mit Projektordnern, die Tische quollen nicht über, das Telefon klingelte nicht ununterbrochen, der Monitor war nicht beklebt mit Erinnerungszetteln?“
„Doch, aber der Praktikant, den ich kurz vorher auf der Messe getroffen und gesprochen hatte, lotste mich an allem vorbei.“
„Der Praktikant?!“
„Ja, ihr Sohn und ein ehemaliger Schulkamerad von mir“, er lacht schallend. „So viel zu Plan B, meinem Vitamin B, meiner förderlichen Beziehung.“
„Klasse!“ Sie lächelt und beugt sich wieder über die Papiere. „Kenne ich den Verlag?“
„Äh, es ist nur ein kleiner. Aber“, setzt er schnell hinzu, „deswegen nicht weniger erfolgreich. Mit einem Dutzend vertretener Autoren und oft in der Presse zu finden.“
„Und wo ist der Haken?“
„Sei doch nicht so negativ“, zieht er sie auf. „Das hast du jedenfalls früher zu mir gesagt.“
„Schon, aber das hier“, sie deutet auf das Blatt mit den grünen Anmerkungen, „ist fast zu schön, um wahr zu sein. Bis wann musst du denn die Änderungen eingearbeitet haben?“
„Innerhalb dieses Vierteljahres.“
„Ha, erst dann wird darüber entschieden?“ Sie winkt ab. „Vielleicht wollte dich die Lektorin nur abwimmeln oder hinhalten. Vielleicht kommt das böse Erwachen, die Absage vom Verleger wegen der mangelnden Verkaufschancen oder eines schon besetzten Programmplatzes eben etwas später.“
„Von wegen!“ Er ist wirklich empört. „Das hat mit dem Zeitplan zu tun. Für Lektorat und Grafik, Layout und Umschlaggestaltung, für Satz, Druck, das Binden und die Buhlphase.“
„Was soll denn das sein?“
„Die Zeit zum Wecken der Aufmerksamkeit von Vertretern, Buchhändlern und Presse, die Phase der Ankündigungen und Vorabdrucke bis zum Veröffentlichungstermin im nächsten Frühjahrsprogramm.“
„Steht das so im Vertrag?“
„Nein, das hat mir der Verleger beim Kaffee erklärt. Denn auch er traut mir zu, das Manuskript an die Vorgaben fristgerecht anzupassen. Offensichtlich im Gegensatz zu dir.“
„MM, ich will doch nur“, schmeichelt sie, „dass du nicht schon wieder enttäuscht wirst, dass du in der Vorfreude über die erste Verlagszusage dennoch das Kleingedruckte beachtest.“
„Mach ich doch!“ Er lehnt sich zurück und fängt an zu überlegen, wie er die nörgelnde Anika loswerden könnte.
Doch sie scheint bleiben und sich versöhnen zu wollen. „Also, ein Gespräch mit dem Verleger höchstpersönlich ist wirklich erfolgversprechend, ehrlich. Was hast du denn mit ihm noch ausgehandelt?“
„Ob ich Lesungen halten will und weitere Buchideen hätte. Ob ich an einer längerfristigen Zusammenarbeit interessiert sei und deswegen …“ Er zögert. Soll er ihr von den überraschenden Konditionen überhaupt erzählen?
(Teil 8, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)
„Toll, dass es dich auch noch gibt!“ Er bemüht sich um einen finsteren Blick und tastet nach dem großen Umschlag auf dem Tisch. „Wolltest du mir nicht schon vor zwei Wochen beim Exposé helfen?“
„Ja“, Anika grinst nicht sonderlich reumütig, „aber ich hatte dringende Angelegenheiten.“
„Und wenn nun in der Zwischenzeit“, er versucht wenigstens, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen, „ein anderes Manuskript angenommen, mir der Programmplatz weggeschnappt worden wäre?“
„Unwahrscheinlich.“ Sie schüttelt überzeugt den Kopf. „Oder würdest du dich als überlasteter Lektor ausgerechnet jetzt auf ein unverlangt eingereichtes Manuskript stürzen?“
„Warum nicht?“
„Schließlich stecken alle noch in den Nachwehen der Buchmesse und erfahrungsgemäß werden dabei Neulinge genauso gern bearbeitet wie kurz vor den Messen und Vertreterkonferenzen.“
„Ha“, triumphierend hebt er den Umschlag hoch, „aber ich hab mich darum nicht geschert und es trotzdem getan.“
„Alles schon eingereicht?“ Sie reißt die Augen auf. „Ohne zu …?“
„Genau. Und auf den Verlag zugeschnitten.“ Er nickt stolz. „Wie bei einer Job-Bewerbung. Selbst das Anschreiben war ganz individuell und sollte ködern.“
„Das will ich sehen.“ Sie streckt die Hand nach dem Umschlag aus. „Du hattest dir inzwischen wirklich überlegt, in welchem Genre dein Buch anzusiedeln wäre?“ Ihr Tonfall wird ansatzweise zickig. „Für welche Lesergruppe es interessant wäre?“
„Ja, liebe Anika, meine Zielgruppe konnte ich damit ermitteln.“ Er stöhnt verhalten und zieht die Papiere aus ihrer Reichweite. „Du kannst mir glauben, auch einen brauchbaren Arbeitstitel habe ich allein gefunden. Und sogar rausgefunden, warum ich eigentlich meine Lieblingsbücher auflisten sollte.“
„Ach, nee.“
„Hattest mir ja genug Zeit gelassen“, er schwenkt den Umschlag, „auf diese Weise meinen bevorzugten Verlag zu entdecken und die offensichtlich von mir geliebten Kategorien. Von dem Punkt aus war es mit den Schreibratgebern auch relativ einfach, mein Manuskript in die geeignete Reihe einzuordnen und im Exposé ein Format vorzuschlagen.“
„Mach es nicht so spannend!“ Sie schnappt nach den Papieren – vergeblich.
„Entspann dich. Was willst du wissen? Ob ich an daran gedacht habe, außer dem Manuskriptumfang auch Ort und Zeit der Handlung anzugeben?“ Ihm macht es Spaß, sie zappeln zu lassen. „Hatte ich doch schon das letzte Mal getan. Und diesmal führte ich sogar die Perspektive des Erzählers an, wie auch einen gekürzten Überblick über den Inhalt.“ Er betont die folgenden Worte, als gäbe er ein Staatsgeheimnis preis. „In Form eines Klappentextes.“
Doch sie macht ihm nicht die Freude, vor Ehrfurcht zu erstarren. „Und wie ist es mit dem Überblick über die Hauptfiguren? Wie entwickeln sich deine Personen während der Erzählung?“
„Rasant und überraschend.“ Er grinst. „Ist alles erledigt. Auch meine Szenenübersicht habe ich verbessert, jetzt die spannendsten Stellen angeführt.“
Sie gibt auf, lässt den noch immer ausgestreckten Arm sinken. „Ich nehme an, dass du die Leseprobe ebenfalls beigelegt hast?“
„Das erste Kapitel, wie von dem Verlag gewünscht. Direkt im Anschluss an meine aufgehübschte Vita“, lacht er.
„Ach, hast du doch ein kriminell gutes Beispiel, ein Idol, einen Promi in deiner Ahnenreihe gefunden?“
„Nein, aber ich konnte belegen, warum ich mich in meinen Helden hinein versetzen und mit ihm fühlen kann, dass regionales Insiderwissen nicht zu unterschätzen ist … und damit kann ja wohl jeder Witz von einer Veröffentlichungsliste wettgemacht werden, nicht?“
„Ich weiß nicht“, sie zuckt mit den Schultern. „Dein Enthusiasmus in allen Ehren, aber ob die Assistenten und Sekretärinnen, das Lektorat und die Programmleitung, der Verleger und seine Vertriebsleitung das genauso sehen …“
„Hast recht“, er überreicht ihr endlich den Umschlag, „deshalb hab ich mich ja auch nicht mehr an einen Giganten, sondern einen Regionalverlag gewandt. Du weißt, kleinere Brötchen und so …“
Sie zieht die Papiere hervor, fängt an zu lesen und murmelt verblüfft: „Aber das ist ja …“
(Teil 7, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)
„Grüß dich!“ Anika stürmt wie neulich die Wohnung, wirft einen Blick in die Küche, entscheidet sich im nächsten Moment für das Wohnzimmer, peilt das Sofa an und greift im Vorbeigehen nach dem auf dem Tisch liegenden Manuskript. „Zeig mir deine Standardseiten.“
Noch bevor sie Platz nimmt, begutachtet sie die Aufzeichnungen mit hochgezogenen Augenbrauen. „Der Kopfbereich mit Autor, Titel, Seitenzahl und Kontaktangaben ist anständig. Dazu der Text einseitig bedruckt auf losen Seiten mit einem vernünftigen Zeilenabstand für die Lesbarkeit und ein ordentlich breiter Rand für Bemerkungen und Korrekturen … fein gemacht. Kein Blocksatz, keine Silbentrennung, keine unnötigen Formatierungen … du hast alles beachtet.“ Sie beginnt, die Buchstaben und Leerräume zu zählen. „Hmm … 30 Zeilen mit jeweils 60 Zeichen … entspricht den für die Kalkulation des Buchumfangs notwendigen 1800 Zeichen. Du würdest in dieser Hinsicht schon mal professionell auftreten. Gut.“
„Nur gut? Weißt du überhaupt, was das für ein Stress war?“ Er setzt sich neben sie und tippt auf die unteren Seitenränder bei den Blättern. „Entweder hatte ich hier die gewünschten Zeilen oder nicht. Mal mehr, mal weniger. Wie ein Glücksspiel. Bis ich rausfand, dass ich bei MS Word die voreingestellte Absatzkontrolle rausnehmen musste.“
„Hast es doch geschafft“, kichert sie, „jetzt musst du nur noch die an eine Schreibmaschine erinnernde Schrift loswerden. Es gibt schönere.“
„Und die kann ich nehmen, wenn wie bei deinem Geschichtenwettbewerb nur die Zeichenanzahl vorgegeben ist. Wenn ich aber konsequent meine 60 Zeichen pro Zeile haben will, brauche ich diese hässliche Festbreitenschrift.“
„Huch, da hat sich einer ganz ernsthaft damit beschäftigt.“
„Natürlich! Deswegen bin ich ja so sauer, dass mein Manuskript nicht angenommen wurde! Was soll ich denn noch machen?“
„Das habe ich dir gesagt …“
„Hah! Ich kann mich aber nicht als Promi aufspielen oder als Enthüllungsspezialist verkaufen. Und ich möchte auch nicht noch mehr Gleichgesinnte und Testleser suchen, meine Zeit nur noch in Quatschrunden verbringen. Will auch nichts mehr an meiner Geschichte ändern. Am jämmerlichen Stil, einer grauenvollen Rechtschreibung oder fehlenden Grammatikkenntnissen kann es bei mir ebenfalls nicht liegen.“
„Willkommen im Club der unverstandenen Autoren.“
„Lache nicht! Beantworte mir lieber endlich die Frage, warum du mir eigentlich hilfst.“
„Ich glaube schon jetzt an dich“, sie beugt sich herüber, senkt die Stimme und haucht übertrieben, „und will, wenn sich der Erfolg endlich einstellt, an deiner Seite sein und davon profitieren.“
„Äh“, er lehnt sich zurück, um die vorherige Distanz wieder herzustellen, „ehrlich bist du, das muss ich dir lassen.“
„Klar“, sie wedelt ihre überraschend zur Schau gestellte Sinnlichkeit genauso flink wieder weg, „und deshalb unterstütze ich dich auch bei deiner Visitenkarte, deinem ersten und einzigen und meist nicht zu korrigierenden Eindruck bei Agent und oder Lektor.“
„Du redest vom Exposé?“
„Und von der Absage der Agentur“, sie seufzt. „Einmal ist zwar keinmal, aber ich habe in der letzten Woche lange darüber nachgedacht … und man muss damit rechnen, dass du noch einige Zeit unappetitlich für seriöse Agenturen bleiben wirst. Stell dir doch mal vor, du wärest ein Agent, der ziemliche Kosten erwirtschaften muss und seine in jahrelanger Arbeit aufgebauten Kontakte zu den Verlagslektoren sinnvoll nutzen will. Darüber hinaus seine meist 15%ige Provision erst bei erfolgreicher Vermittlung bekommt.“ Sie hebt das Manuskript hoch. „Hand aufs Herz. Würdest du dafür bundesweit mit vier-, fünfstelligen Verkaufszahlen rechnen?“
„Äh … die Handlung ist ja gebietsmäßig begrenzt und daher …“
„Eben. Du musst also die Anforderungen der Giganten mit deinem Angebot vergleichen, auch beachten, dass du kein VIP sondern Neuling bist. Soll heißen, du musst zurzeit noch kleinere Brötchen backen, dich selbst an Regionalverlage wenden, die begeistern und dazu anregen, dich kennen lernen und nachfragen zu wollen.“
„Hab ich versucht“, er zieht aus dem Stapel seiner Unterlagen das Exposé hervor, das er vor Monaten erst an die Großen der Branche und später an die kleineren, unabhängigen Häuser geschickt hatte, „und zwar alles nur an die Verlage mit dem passenden Programm verfrachtet.“ Er reicht ihr auch die abgehakte Verlagsliste und beobachtet, wie sie beim Lesen des Exposés ihre Stirn runzelt. „Was ist?“
„Oh“, sie schüttelt den Kopf, „hier ist mancherlei zu ändern. Und fang damit an, dass du besser recherchierst. Alle für dein Thema relevanten Verlage mit ihrem Profil verzeichnest und zudem deine Lieblingsbücher heraussuchst.“
„Warum denn das?“
„Sag ich dir“, sie legt die Papiere ab und schaut auf ihre Uhr, „nächste Woche. Muss jetzt leider weg.“
Oder: wie arbeitet eigentlich ein gut organisierter Autor?
Das frage ich mich nämlich immer öfter. Ich jedenfalls schreibe (wie von mir erwartet) fleißig am Nachfolger vom „Sturm der Verdammnis“ … und befasse mich dort momentan mit dem grausamen Hochwasser von 1638 … merkte dabei aber nicht, wie in dieser Woche hier alles über mir zusammen schwappte, mein kleines privates Reich unterzugehen drohte.
Erst wurde ich am Montagnachmittag (genau in der geplanten Lücke zwischen Schreiberei und Dozententätigkeit an der VHS) durch ein Telefonat „Wir warten auf Sie!“ aufgeschreckt … denn ich hatte mich festgeschrieben und nicht mehr auf meinen Plan geschaut (zum Glück konnte ich den Physiotherapietermin für die Tochter aber noch auf den Mittwoch verlegen).
Aber an diesem Nachmittag war ohnehin der Wurm drin … denn ich beantwortete noch eine Mail locker-flockig mit: „Ich habe zwar meinen Kalender gerade nicht zur Hand, aber mit dem morgigen 15.30 Uhr-Termin müsste es klargehen.“ Hah! Hätte ich den Kalender zur Hand gehabt, hätte ich jedoch gesehen, dass just zu dieser Stunde der seit Wochen geplante Strähnchenfärbe-Frisörtermin stattfinden sollte. Dann blieb ich länger im Archiv als geplant und saß auch bei der folgenden Besprechung so lange, dass es keinen Sinn mehr hatte, zur Chorprobe nach Uebigau zu fahren (das zweite Mal in Folge übrigens …).
Und so doppelt belegt ging es weiter. Kurz vor dem verschobenen Physiotherapietermin wurde ich netterweise an den fälligen Chorauftritt mit den Liebenwerdaern erinnert, so dass ich meinen Mann als Vertretung zur Praxis abkommandieren konnte. Jedoch gab ich weder ihm das Rezept mit noch erinnerte ich die Tochter an die extra geforderten Sportsachen … und per Handy war ich logischerweise nicht erreichbar, so dass alle dort rätseln durften, was mit meiner Tochter eigentlich zu unternehmen sei.
Und denkt ihr, ich hätte es am nächsten Tag im Griff gehabt? Mitnichten.
Tagsüber konzentrierte ich mich im Archiv, suchte Infos zu den damaligen Gewerken und Personen und dem Meuchelmörder, der „ohne alle gegebene Ursache leichtfertigerweise“ den armen … (nee, mehr verrate ich jetzt natürlich noch nicht
) – und wollte mich danach eigentlich bei der abendlichen Chorprobe mit den Liebenwerdaern entspannen … jedoch entdeckte ich im Mailfach noch eine Einladung, die mich beruflich sehr interessierte. Und dieser Vortrag sollte in genau einer Stunde stattfinden. Sagte ich also die Singerei ab und eilte ins Museum, wo ich vom versierten Referenten 90 Minuten lang mit Ortsnamen und Jahreszahlen bombardiert wurde … ohne Bilder, Fotos, visuelle Hilfestellungen. Ich bin nicht vom Stuhl gerutscht, aber knapp davor war ich – weil der Vortragende zwischendurch auch feststellte: „Archivarbeit ist ja Schwerstarbeit.“ Wie wahr.
Tja und am folgenden Morgen hatte ich beim Lehrer meines Sohnes was wieder gutzumachen … denn weder hatte ich die letzten Zettel unterschrieben noch den Elternabend registriert … noch mitbekommen, dass bald die Klassenfahrt anstand. Aber ich wollte mich wenigstens bessern, ließ mich als Streckenposten für die Fahrradfahrausbildung einteilen (was körperlich nicht so einfach war wie angenommen!), verlegte dafür meine Vermarktungs-Vormittagstermine auf den Nachmittag, verpasste dadurch einen Chorauftritt mit den Uebigauern und ließ meinen (eigentlich lange vorher geplanten) abendlichen Messe-Besuch bei einer Freundin und ihrer Lesung endgültig platzen, da ich mein Soll im Hochwasserbereich ja auch noch nicht geschafft hatte … und ohnehin geschlaucht war.
Am besten wird es wohl sein, wenn ich in 1638 endgültig abtauche … doch dann muss ich mich auch bald wieder bei euch entschuldigen … aber wenn ich es als Schablone, Textbaustein, Pingback mache … bin ich zumindest schon ein wenig besser organisiert. Nicht?
(Teil 6, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)
Es klingelt. Müller-Meier seufzt ergeben und legt den Vertragsentwurf, in dem er die letzte Stunde angespannt gelesen hatte, beiseite. Jetzt klingelt es Sturm. „Ich komme ja!“ Er eilt zur Tür und öffnet sie. „Ach, du.“
„Wir waren verabredet, MM!“, grinst Anika. „Ich hab auch was mitgebracht.“ Sie drängt sich an ihm vorbei und hält einen Beutel mit Körnerbrötchen hoch. „Eine kleine Stärkung.“
„Hab keinen Appetit.“
„Nicht?“ Anika hat schon die Küche erobert und öffnet die Hängeschränke einen nach dem anderen. „Na ja, wir wollten ja auch dich appetitlich machen für den Buchmarkt. Und du warst doch schon auf dem richtigen Weg mit den von dir besorgten Schreibratgebern.“
„Mit denen bin ich durch.“ Er setzt sich wieder an den Tisch und schiebt unauffällig die Unterlagen zusammen.
„Mit dem Schreibkurs auch?“ Jetzt hat sie das Kaffeepulver gefunden, befüllt die Maschine. Ohne zu fragen, ob er überhaupt trinken möchte.
„Natürlich.“ Er reckt das Kinn in Erwartung ihres Widerspruchs und greift demonstrativ zur Bierflasche.
„Ach, ja?“ Sie schaut misstrauisch über die Schulter, während sie sich mit der Kanne zum Wasserhahn begibt. „Das muss dann aber ein Kurzworkshop gewesen sein.“
„Für mich. Weil die nur allgemeine Aufgaben aufgegeben hatten, nicht auf meine speziellen Wünsche eingegangen sind.“
„Tja, wer eine individuelle Betreuung für sein Thema, Recherche und Struktur wünscht, muss logischerweise tiefer in die Tasche greifen.“ Sie nimmt ihm nachsichtig lächelnd die noch nicht geöffnete Flasche aus der Hand. „Kaffee oder Tee?“
„Wenn schon Tee, dann“, er gibt scheinbar nach, „Jagatee.“
Sie stutzt, bereitet aber beide Getränke vor und führt das Autoren-Gespräch nahtlos weiter. „Also solltest du dir einen Lektor aus den Datenbanken suchen oder eine Lektorin aus dem Texttreff-Netzwerk beauftragen. Apropos Netzwerk, hast du es damit versucht?“
„Aber sicher doch.“ Er sieht zu, wie sie den Kühlschrank plündert, den Tisch deckt. „Hab mich auch bei Plattformen und Gruppen angemeldet und Leute abgewehrt. Abstauber, die kostenfrei Infos abgreifen wollten und diverse Wichtigtuer, die nur an meinem Stil nörgelten und Kundenfänger, die mich ködern wollten für Ratgeber, Druckaufträge, Dienstleistungen und so was.“
„Wenigstens arbeitest du damit an deinem Bekanntheitsgrad“, lacht sie, winkt ab und setzt sich zu ihm. „Kleiner Scherz. Konzentriere dich auf deine Zielgruppe, richtige Autoren und Agenten. Wie weit ist es damit?“
„In Arbeit. Ich war bei Lesungen und fahre auch wegen des Erfahrungsaustausches zur Leipziger Buchmesse.“
„Hmm“, schmunzelt sie, „schon als Yannik honey fungus?“
„Vielleicht …“
„Aha, also hast du dein Manuskript …“, sie schaut gezielt zu den Unterlagen, die er offensichtlich nicht gut genug versteckt hatte, „… zwischenzeitlich an eine Agentur geschickt. Welche Reaktion?“
„Mein Exposé hat nicht überzeugt“, er nippt am Tee. „Der Agent sah daher keine Möglichkeit, mich an einen Publikumsverlag zu vermitteln, meinte aber, dass es auch Geschmackssache sei und ich weiter suchen solle.“
„Hast du?“ Sie mustert ihn aufmerksam.
„Ja, ich schickte alles an zwei weitere Literaturagenturen. Die erste fand die Leseprobe ansprechend, forderte noch am gleichen Tag 50 Normseiten an, um Stil und sprachliche Fähigkeiten besser einschätzen zu können.“
„So schnell? Klasse! Bei Verlagen wartet man monatelang auf eine Antwort.“
„Ja, und für die Reaktion auf meine äh … 50 Seiten musste ich auch nur eine Woche warten.“
„Warum hast du gezögert?“
„Ich wollte mich bei denen nicht als Dussel outen und nachfragen, ob die mit ihrer Normseite etwas anderes meinen als ich mir unter einer Standardseite vorstelle.“
„Die Angaben gebe ich dir beim nächsten Treffen“, legt sie kategorisch fest und tätschelt sogar seinen Arm. „Was haben die zur Geschichte gesagt?“
„Sie wäre nicht schlecht“, er verdreht die Augen, „aber ohne große Chancen für eine erfolgreiche Vermittlung an einen Traditionsverlag … deshalb boten sie mir eine Publikation in dem mit ihnen kooperierenden Serviceverlag an.“
„Du hast doch wohl nicht“, blitzschnell beugt sie sich vor und entzieht ihm den Vertragsentwurf, „unterschrieben? Das ist schließlich nur eine kreative Umschreibung für die Druckkostenzuschussverlage.“
„Reg dich ab.“ Er holt sich die Papiere zurück. „Das hier ist von der dritten Agentur, die mich sehr gern vertreten würde.“
Sie strahlt. „Du hast es geschafft!“
„Na ja“, er zieht die dritte Seite aus dem Stapel und zeigt sie ihr. „Sie tun es gegen Zahlung eines saftigen Vorschusses.“
„Oh nein!“ Sie schlägt so mit der Hand auf den Tisch, dass ihr Kaffee aus der Tasse schwappt. „MM, du bist offenbar noch nicht verlockend genug für die richtigen Leute. Lass uns daran arbeiten. Zuerst an einem begehrenswerten Exposé und den geforderten Normseiten und danach suchen wir eine seriöse Agentur, die ganz benommen von dem neu entdeckten Yannik honey fungus sein wird.“
„Sehr gern … aber“, er schaut sie über den Rand seiner Teetasse an, „warum hilfst du mir eigentlich? Was hast du denn davon?“


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