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(Teil 10, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)
„Sprich endlich mit mir, MM!“ Anika sieht ihn prüfend an. „Was ist aus deinen Träumen, was ist aus dem sich hoffnungsvoll ausbreitenden Yannik honey fungus geworden?“ Sie greift in ihre Tasche und zieht einen Stapel Papiere heraus.
„Rekapitulieren wir mal. Zuerst war doch dein Manuskript zu speziell geraten. Deshalb hast du alles für eine umfangreichere Leserschaft umgeschrieben. Damit war es aber zu fade geworden und reif für den Plan B.“
„Hast du gemeint!“ Er funkelt sie an. „Ich fand es universeller.“
„Hmm“, sie schmunzelt zurück, „wie auch immer. Jedenfalls war es höchste Zeit für einige Aufreger in deinem Leben.“
„Die ich ja in Netzwerken und Ratgebern gefunden habe“, er winkt ab. „Und ich habe auch ohne eigenen Glamour und Exzesse genügend Schlüpfrigkeit und Doppeldeutigkeit in mein Werk eingebaut.“
„Meinst du wirklich“, sie wedelt mit den Papieren, „dass das für die richtigen Leute gereicht hat? Hast du schon vergessen, wie du von den anderen über den Tisch gezogen werden solltest?“
„Das hab ich genauso wenig wie deine Hilfe in Bezug auf das Auftreten gegenüber Verlagen und Agenturen. Ich hatte ja dadurch das Exposé angepasst und so den Interessenten gefunden.“
„Stimmt“, sie legt die Papiere ordentlich ab und beugt sich grinsend vor, „das hatte mit dem Lektor und Plan B geklappt . Aber …“, sie lässt das Grinsen entweichen und schaut ihn wieder durchdringend an, „seitdem ist doch so viel Zeit vergangen, dass ich dein Buch schon längst hätte entdecken müssen.“
„Es ist vergriffen.“
„Wahnsinn! Und wieso bist du dann so miesepetrig drauf, gerade so, als ob man dich retten müsste?“
„Vielleicht, weil ich durch das Schreiben und Vermarkten verletzlicher geworden bin und erst in der vorigen Woche wieder beunruhigende Sachen gelesen habe?“
„Was hat dich denn erschüttert?“
„Dass man trotz aller Liebe zum Bücherschreiben und der Treue zu sich selbst ganz schön wandelbar sein muss. Erst dünnhäutig, dann mit einem Schildkrötenpanzer, wie die gestandene Autorin Carmen Winter meint.“
„Wenn es dem Erfolg dient, warum nicht.“
„Na ja, Erfolg ist relativ. Ich kann mich nicht ständig verbiegen, nur weil es die Vertriebler verlangen. Eher halte ich es mit Hans Pleschinski, der sich trotzig vom Markt abkoppelt und gewollt unverdaulich ist.“
„Meinetwegen sei auch das, Hauptsache, du verkaufst dich.“ Sie lacht schallend – und merkt erst ziemlich spät, dass er nicht einstimmt.
Ich freu mich ja immer, wenn ich Geld verdienen kann – besonders jetzt, wo ich auf dem Weg dahin (und mit mir besonders die 3 Millionen anderer Besitzer alter Autos) an den Tankstellen mit wohlklingenden Plus- und Premium-Bezeichnungen noch dreister abgezockt werde – sollte ich da vielleicht endlich mal mitmachen? Mich dieser Haltung anschließen, mich ebenso „gesittet“ benehmen?
Ooch, nee, ich bleib mir treu und biete weiterhin bezahlbare und befriedigende Leistungen, ohne falsches Etikett an. Und freu mich deshalb natürlich sehr über Anfragen und Zusagen.
Beispielsweise sollte ich neulich auf einem von Tausenden Besuchern frequentierten Event mich und meine für die Region bedeutende Arbeit vorstellen, denn „wir wollen nun auch regionale Kultur anbieten“.
Aha.
Die angekündigte Kulturinsel für mich als Schriftstellerin und die anderen Künstler entpuppte sich aber leider als einige aufgestellte Tische an der Turnhallenwand, genau vor einem „fotogenen“ Fußballtor – und nur zu finden für jene, die auf der Suche nach einer Toilette die Turnhalle betreten hatten und am Kuchenbüfett sowie den vergnüglich speisenden Gästen vorbei bis zum Ende der Turnhalle geschlendert wären.
Dass ich meine Deko fassungslos eingepackt habe und verschwunden bin, wurde dann doch bemerkt und mit Verwunderung aufgenommen – sogar von der am Nachbartisch wunderbare Ostereier herstellenden und dennoch kaum beachteten Frau, die still weiter litt … in der Hoffnung auf eine von den Veranstaltern erwähnte Aufwandsentschädigung.
Und denkt Ihr, das wäre nur in Bezug auf Schriftsteller und ihre viel zitierte “brotlose Kunst“ so?
Nein, auch als Gästeführer – bekannt, beliebt und bis zu einem gewissen Grade
begehrt – soll man Touristen schöne Anekdoten erzählen und in glückselige Stimmung versetzen, dabei möglichst auch zur Freude der Besucher einen tonnenschweren Kahn mit einem über 4 Meter langen Rudel staken und die ungeduldigen Nachrücker an der Anlegestelle beruhigen …
Tolle Idee – und umzusetzen wäre es hier für ortsübliche 12,00 € die Stunde.
Mehr kann der Veranstalter für die Durchführenden nicht zahlen, will er nicht die Besucherpreise in die Höhe schrauben und dennoch die Kosten für Organisation, Arbeitsmaterial und Werbung aufbringen …
Tja, ich als Letzter in der Kette sehe das natürlich anders – denn entweder überzeuge ich mit spezifischem Wissen und Können oder mache bei solcher Art Honorar und Turnhallen-Arbeitsatmosphäre enorme Abstriche an meiner Qualität, an Auftreten, Weiterbildung und Leistungsumfang.
Deshalb frage ich – die sich lieber treu bleiben würde – ab sofort bei Anfragen nach:
Wie viel Kultur hätten Sie denn gern?
… singt sich sicherlich jeder Unternehmer abends vor
. Zumindest heimlich.
Und für diese so wichtige Art der Kundenbindung gibt es ja nun mehrere Möglichkeiten – ich hab hier 3 für Sie, aus den Bereichen: „Frau muss essen, gut aussehen und sich weiterbilden“.
Sehen wir uns zuerst die hiesige Filiale unseres sehr erfolgreichen Bäckers an.
Ich gehe dort oft bis öfter hin – hole mir zu gern das Angebot des Tages, Schlemmerwürstchen und knusprige Brötchen. Und ich passe als gute Kundin natürlich auf, dass ich immer über den Zwei-Euro-Fünfzig-Schritt komme, notfalls ein Leckerchen mehr bestelle. Denn für 5,00 Euro Rechnungssumme bekomme ich schon mal 2 Treuepünktchen und bei 10,00 Euro sind es 4.
Und wenn ich von diesen Pünktchen dann das Schutzpapier abgefummelt („Ja, das ist manchmal mühsam. Aber lassen Sie das doch Ihre Kinder machen, die machen so was bestimmt gerne!“) und sie ins Heftchen geklebt, meine vollständige Adresse
angegeben und es beim nächsten Besuch abgegeben habe (wo es natürlich so verrechnet wird, dass es für das nächste Pünktchen des Zwei-Euro-Fünfzig-Schrittes nicht mehr reicht
) – dann habe ich bei überreichten 75 Euro kundenfreundliche 2,25 Treue-Euro rausgeholt. Wow.
Doch besser noch war die Friseuse meines Vertrauens.
„Das nächste Mal brauchen Sie nur noch den Haaransatz nachfärben zu lassen, das wird dann billiger.“ Über dieses Versprechen freute ich mich natürlich, kam zur vereinbarten Zeit – und wartete erst einmal eine knappe Dreiviertelstunde, bevor ich dran kam und bedient wurde. Mit dem Schneiden von ca. 9 Spitzen (mehr gab es nicht zu tun, da ich die Haare lang wachsen lasse) und dem Draufklatschen der schwarzen Farbe auf meinen Kopf (beim ersten Mal hatte sie dagegen die Strähnen fast zärtlich eingepinselt). Spätestens da wunderte ich mich – und beobachtete argwöhnisch meine zwischengelagerten roten Strähnen (doch es hätte sein können, dass sie mir ein neumodisches, selbstständig farbaktivierendes Zeug verpasste
). Als die Prozedur beendet war (und ich die Dame noch darum bitten musste, mir die angetuschten Linien von Stirn und Ohren zu wischen – sah ich aber das Dilemma deutlich: einen 2 cm breiten, schwarzen Scheitel passgenau an den roten Strähnen – genau so, als ob ich als Laie versehentlich die falsche Farbe benutzt hätte. Nun machte ich aber den Mund auf: „Äh, was ist denn das?“
Antwort: „Wieso? Sie hätten schon sagen müssen, wenn Sie die roten Strähnen auch nachgefärbt hätten haben wollen. Das können wir ja dann das nächste Mal machen.“ Und schon tänzelte sie zur Kasse und flötete. „Ich gebe mal bloß Nachschnitt ein, war ja heute kein richtiger Schnitt.“ Und dann verlangte sie einen Betrag, der mich entsetzt ausrufen ließ: „Aber es sollte doch billiger werden?!“
Prompt war sie entrüstet: „Ist es doch auch! Dachten Sie etwa, dass es 20 Euro weniger wären?“ Na ja, auf eine Summe hatte ich mich nicht versteift – aber 5 Euro weniger war ja nun alles andere als kundenfreundlich. Ob ich da noch einmal hingehen werde? Glaube kaum … aber dann kann ich natürlich auch nicht in den Genuss von deren Treuebelohnung kommen – 1x Energie Kopfmassage oder 1x Wimpern färben oder 3 Euro Rabatt bei abgestempelten 300 Euro.
So gefrustet setzte ich mich an den heimischen PC (verkniff mir jegliche Blicke in den Spiegel), surfte im Web und traf mal wieder auf Gitte Härter von www.Unternehmenskick.de, die mir schon früher aufgefallen war. Und die sich natürlich auch überlegt hatte, Geld zu verdienen und ihre Kunden an sich zu binden.
Aber mit dem Unterschied, dass sie die Sprache ihrer Kunden spricht, auf deren Bedürfnisse eingeht, es mit ihren Tipps und Tricks immer wieder schafft, dass man sich fest liest, Hoffnung schöpft, sinnvolle Anregungen für das eigene Geschäft vermittelt bekommt – kurz, Geld verdienen statt nur verschleudern kann.
Logischerweise bestellte ich mir wieder einen ihrer Kurse, gab auch – ohne Aufforderung, ohne Gängelei – meine Kommentare ab … und was passierte? Ich bekam unerwartet, einfach so ein sehr zweckmäßiges Geschenk von ihr mit herzlichen Grüßen.
Ohne dass ich erst Pünktchen kleben oder 300 Euro hinblättern musste … oh, wie wohl ist mir mit solchen Partnern.
meinte Christine, als wir uns beim Nürnberger Autorentreffen über Schreibhindernisse austauschten, und über Blockaden und Ablehnungen, Selbstzweifel und das Hallelujah-Gefühl bei gelungenen Kapiteln.
Der Erfahrungsaustausch war ja neben Wiedersehen und Kennenlernen der Sinn der Sache und mir lief „heuer“ eine mörderische Schwester über den Weg, dazu eine Namensvetterin aus dem Norden und eine Bekannte mit Ost-Wurzeln, ich sah ebenfalls ein 8 Wochen altes Baby und einen 12 Jahre alten Hund unter den rund 70 Teilnehmern, welche die Veranstalterin alle mit Namen begrüßte, obwohl die wenigsten eine Homepage mit Fotos hatten, die meisten nie in den Medien waren, man sich auch nur einmal im Jahr traf. Wie machte Ursula das bloß?
Ich habe es auch bei diesem, meinem dritten Treffen nicht herausgefunden. Bei dem ich zugegebenermaßen nicht mehr viel Neues lernte, immerhin wusste ich ja längst, wie man glaubwürdige Protagonisten erschuf, wie die Spannung in den Krimi kommt, was ich bei einer Lesung nie sagen würde und welche verblüffenden Fragen aus dem Publikum kommen könnten.
Diesmal interessierte ich mich hauptsächlich für das Drehbuch – schließlich wurde ich in letzter Zeit wieder häufiger von begeisterten „Sturm der Verdammnis“-Lesern auf eine Verfilmung ihres geliebten Stoffes angesprochen. Nun wusste ich schon für die Erstellung des damaligen Fernsehbeitrages für zibb im rbb, wie schwierig es sein kann, einen packenden Dialog für 20 Sekunden auszuwählen und glaubhaft rüberbringen zu lassen und die Kulisse mit Schloss, Pferden, Ratsherren, beschäftigten Mägden und Bütteln, wandelnden Damen und Herren in ihren historischen Bekleidungen bereitzustellen, alles nicht allzu laienhaft aussehen zu lassen – und ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie teuer eine Filmproduktion werden kann. Schließlich steckten schon damals für den 3 Minuten-Beitrag an 4 Drehorten mehr als 6 Stunden Arbeit von Moderatorin, Kamerateam und Darstellern drin.
Und der vortragende Drehbuchautor Oliver Pautsch bestätigte dann auch, dass es wie im Literaturbetrieb zugeht. Man sich permanent anbieten und Kontakte knüpfen, um Fördermittel buhlen und unzählige Konkurrenten verdrängen muss und vierstellige Summen schon für Kurzfilme von 15 Minuten aufgetrieben werden müssen, in denen 1 Woche Arbeit stecken kann. Auch, wenn die 2 Darsteller umsonst arbeiten und nur ein Häuschen als Kulisse gebraucht wird …
Ooch, wieder ein Zahn gezogen.
Na, wenigstens war es dann beim Mittagessen erfrischender. Einer ohne Punkt und Komma redenden Teilnehmerin zuzuhören, die ihrem Nebenmann genau erklärte, wie er zum Erfolg kommen könnte. Ich wurde allerdings stutzig, als sie von den Verlagen sprach und deren Zugeständnissen hinsichtlich Abgabetermin und Honorarzahlungen … und ich lehnte mich milde lächelnd zurück, widmete mich wieder meinem Schnitzel … da die eifrige Dame das Wunder nicht selbst erlebt hatte, nur vom Hörensagen ihrer Freundin berichtete.
Also ist weiterhin Kämpfen und Leiden angesagt, Durchsetzen und Dranbleiben, um irgendwann den (vom ebenfalls im Bildungszentrum referierenden PERRY RHODAN-Chefredakteur Klaus N. Frick) erwähnten Adelsschlag zu erhalten, einmal im Leben in den Drehständer von Edeka zu kommen.
Auch, wenn ich dafür zunächst über bellende Papageien schreiben muss.
Und zwar wie geplant mit der Bahn. Zu meinem Weiterbildungstermin im Wendland, über Berlin, Stendal und Schnega.
Ich stand also vorfreudig mit Koffer und Rucksack und gut gefüllter Tasche am Bahnsteig – um 6 Minuten vor Abfahrtszeit zu hören, dass der Zug wegen Bauarbeiten ausfällt und der Schienenersatz-Bus vor 30 Minuten gefahren war. Ich glaubte, mich verhört zu haben, wuchtete mein Gepäck die 40 Stufen zurück zum Schalter und bekam zu hören: „Lassen Sie Ihren Frust nicht hier aus! Sie haben Ihre Fahrkarte ja nicht bei mir gekauft, sondern aus dem Internet!“
Und dann erläuterte sie mir meinen Anteil an der Schuld. Schließlich waren die Fahrplan-Änderungen sichtbar am Schaukasten angebracht (und für die Nicht-Information im Online-Auftritt der Bahn könne sie ja nichts.) Sie hatte recht, ich hätte wirklich am Schaukasten genauer schauen können – dann wäre mir der plötzlich nach Berlin ausfallende Zug unter der Überschrift Luckau-Walddrehna in 2 Millimeter-Schriftgröße auf dem bunten A3-Blatt auch aufgefallen. Na ja.
Wenigstens gab mir die Dame noch den Tipp, es beim bald passierenden Vogtland-Express zu versuchen und dann mit der S7 die Lücke zwischen Alexanderplatz (mit 3 Minuten Zeit für 80 Stufen) und Hauptbahnhof zu überbrücken … Ich wollte es wagen und ächzte zunächst über die 40 Stufen mit Koffer, Rucksack und Tasche zum Hochsteig zurück.
Und es stimmte, da kam die Konkurrenz – wo Fahrkarte und BahnCard nicht galten. Ich stieg (weil ich eben zum gebuchten ICE und meiner bestellten Mitfahrgelegenheit wollte) dennoch ein, und wunderte mich auch nicht lange darüber, dass der Vogtland-Express durch die Baustelle offensichtlich nicht beeinträchtigt war und neben gepflegten Waggons, Snacks und 1,10 €-Getränken, Willkommen-Bonbons und der Möglichkeit, mit dem Triebwagenführer zu sprechen, auch eine nette Zugbegleiterin hatte. Eine, die mir keinen Zuschlag abknöpfte und einer anderen Reisenden sogar das Gepäck hinterher trug.
Man kann also doch noch entspannt verreisen.
Wurde mir gerade bescheinigt.
Ja, die muss ich auch haben. Für die Recherche und das Schreiben des neuen historischen Romans, für die Stände auf Messen und Märkten, für meine Teilnehmer am derzeitigen Schreibkurs, für das Organisieren von Lesungen, Weiterbildungen, Stadt- und Erlebnisführungen, für Lieferungen, Telefonate und Besuche bei Buchhändlern und Veranstaltern, für Blogbeiträge und Homepage-Aktualisierung, für die Bedürfnisse von Kindern, Hund und Mann (bitte nicht von der Reihenfolge auf die Priorität schließen
), für Chorproben, Auftritte und Sporttermine, diverse Angebotsschreiben und Antworten, Kündigungen , Reklamationen und Vereinbarungen, Buchhaltung und Steuererklärung , einen kleinen Wasserschaden …
Gemeint war aber das Besorgen der Kleider für die Jugendweihe unserer Mittleren, die in 4 Tagen stattfindet.
Zwar hatten wir die Sachen schon vor Wochen bestellt, aber leider war mir entfallen, rechtzeitig nachzuhaken. Sonst hätte ich eher gehört, dass Islands Aschewolke (und damit die Nichtlieferung von traumhaften Hüllen) auch auf uns Auswirkungen hat.
Aber ich habe ja noch ein paar Nerven. Gleich fahren wir zum Geschäft (einfache Entfernung 30 km
), suchen uns etwas anderes und kümmern uns danach um die Schuhe. Denn die fehlen auch noch. Und Stellprobe mit eben diesen Schuhen ist … morgen.
Aber ich kann improvisieren – und kann auch der Friseuse nicht böse sein, die den (vor Monaten festgeklopften) Termin für das Färben der Strähnchen gestern verlegen musste, wegen Doppelbelegung.
Ich kann das verstehen.
(Teil 9, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)
„Wie hast du das geschafft, wie den Verlag für dich interessieren können, MM?“, fragt Anika bewundernd und ordnet den Stapel Papiere.
„Müller-Meier ist out.” Er tippt auf das Deckblatt, fährt pathetisch mit dem Finger über die Autorenangaben. „Du sprichst jetzt mit Yannik honey fungus, der sich in der Verlagsbranche ausbreiten wird wie ein Pilz im Wald, voll mit Sporen, getragen vom Wind, umspielt vom Regen.“
„Bist du unter die Biologen gegangen?“
„Quatsch. Aber die Lektorin des Verlages möchte“, er zieht eine Seite mit Anmerkungen hervor, „dass ich zum Beispiel bildhafter schreibe. Also übe ich das.“
„Was will sie noch?“
„Dass ich meine Handlungsstränge mehr ausrichte und“, er seufzt, „einige Passagen komplett umschreibe.“
„Sie hat sich in der kurzen Zeit dermaßen eingelesen?“ Anikas Verblüffung wird fühlbar. „Dann musst du mit deiner Idee ja zum richtigen Zeitpunkt gekommen sein, offene Türen eingerannt haben.“
„Ja“, er lacht auf, „die Tür zu ihrem Büro war offen gewesen, als ich im Verlag vorbeischaute.“
„Und sie hat sich gleich um dich gekümmert?“ Misstrauisch schürzt Anika die Lippen. „Ihre Regale waren nicht voll mit Projektordnern, die Tische quollen nicht über, das Telefon klingelte nicht ununterbrochen, der Monitor war nicht beklebt mit Erinnerungszetteln?“
„Doch, aber der Praktikant, den ich kurz vorher auf der Messe getroffen und gesprochen hatte, lotste mich an allem vorbei.“
„Der Praktikant?!“
„Ja, ihr Sohn und ein ehemaliger Schulkamerad von mir“, er lacht schallend. „So viel zu Plan B, meinem Vitamin B, meiner förderlichen Beziehung.“
„Klasse!“ Sie lächelt und beugt sich wieder über die Papiere. „Kenne ich den Verlag?“
„Äh, es ist nur ein kleiner. Aber“, setzt er schnell hinzu, „deswegen nicht weniger erfolgreich. Mit einem Dutzend vertretener Autoren und oft in der Presse zu finden.“
„Und wo ist der Haken?“
„Sei doch nicht so negativ“, zieht er sie auf. „Das hast du jedenfalls früher zu mir gesagt.“
„Schon, aber das hier“, sie deutet auf das Blatt mit den grünen Anmerkungen, „ist fast zu schön, um wahr zu sein. Bis wann musst du denn die Änderungen eingearbeitet haben?“
„Innerhalb dieses Vierteljahres.“
„Ha, erst dann wird darüber entschieden?“ Sie winkt ab. „Vielleicht wollte dich die Lektorin nur abwimmeln oder hinhalten. Vielleicht kommt das böse Erwachen, die Absage vom Verleger wegen der mangelnden Verkaufschancen oder eines schon besetzten Programmplatzes eben etwas später.“
„Von wegen!“ Er ist wirklich empört. „Das hat mit dem Zeitplan zu tun. Für Lektorat und Grafik, Layout und Umschlaggestaltung, für Satz, Druck, das Binden und die Buhlphase.“
„Was soll denn das sein?“
„Die Zeit zum Wecken der Aufmerksamkeit von Vertretern, Buchhändlern und Presse, die Phase der Ankündigungen und Vorabdrucke bis zum Veröffentlichungstermin im nächsten Frühjahrsprogramm.“
„Steht das so im Vertrag?“
„Nein, das hat mir der Verleger beim Kaffee erklärt. Denn auch er traut mir zu, das Manuskript an die Vorgaben fristgerecht anzupassen. Offensichtlich im Gegensatz zu dir.“
„MM, ich will doch nur“, schmeichelt sie, „dass du nicht schon wieder enttäuscht wirst, dass du in der Vorfreude über die erste Verlagszusage dennoch das Kleingedruckte beachtest.“
„Mach ich doch!“ Er lehnt sich zurück und fängt an zu überlegen, wie er die nörgelnde Anika loswerden könnte.
Doch sie scheint bleiben und sich versöhnen zu wollen. „Also, ein Gespräch mit dem Verleger höchstpersönlich ist wirklich erfolgversprechend, ehrlich. Was hast du denn mit ihm noch ausgehandelt?“
„Ob ich Lesungen halten will und weitere Buchideen hätte. Ob ich an einer längerfristigen Zusammenarbeit interessiert sei und deswegen …“ Er zögert. Soll er ihr von den überraschenden Konditionen überhaupt erzählen?
Als Hindernis fügen wir noch „Wohnort in der Provinz“ mit fehlendem Reisezentrum und vernagelten Bahnhofsgebäuden und tagsüber oft unbesetzten Schaltern in den Nachbarstädten hinzu. Aber es gibt ja das WWW und zum Glück kämpfen sich selbst hier die Daten tröpfchenweise durch die Leitungen, so dass Online-Buchungen kein Problem darstellen (wenn man darauf steht, einen Nachmittag im Netz zu verbringen, um 2 läppische Fahrkarten zu kaufen).
Interessant wird die Sache aber, wenn man gemäß Kleingedrucktem der DB Bahn eine Ehepartner-Zusatzkarte zur BahnCard bestellen möchte. Das geht nämlich nur, wenn eine Kinderkarte mitbestellt wird (damit doppelter Preis, versteht sich).
Doch dafür reicht dann aber logischerweise ein Nachmittag nicht mehr aus. Denn man fliegt – nach erfolgreicher Durchleuchtung und Benutzerkonto-Einrichtung – „zur eigenen Sicherheit“ immer wieder aus dem System, wenn die zahlreichen, ebenfalls kleingedruckten Zusatzbedingungen und Voraussetzungen gelesen werden … nennt sich auch Zeitüberschreitung.
Ist diese Hürde endlich gemeistert … findet man heraus, dass für die gewünschten Servicekarten erst Fotos und Nachweise hochgeladen werden müssen. Also Scanner angeschlossen und Passbilder, Stammbaum und Personalausweis gesucht, eingescannt und im gewünschten Format gespeichert (jetzt sind wir schon beim nächsten Arbeitstag angekommen
).
Und dann wird wieder (nee, nicht in die Hände gespuckt) angemeldet, ausgefüllt, hochgeladen … nur um plötzlich festzustellen, dass BahnCard-Nutzer ihre Zusatzkarten doch nur in Verbindung mit einer neuen Hauptkarte bestellen können.
Tja, ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon gesehen, dass frisch-fröhlich weitere 57,00 € gefordert wurden … aber als alte Computer-Tante noch gedacht, dass durch die Eingabe der BahnCard-Nummer (und möglichem Abgleich mit der Geltungsdauer
) die sinnlose Forderung nach einer doppelten Gebühr ausgehebelt werden würde. Da hatte ich aber wohl die Programmierer überschätzt.
Und was bleibt dann übrig, wenn die böse Technik keine zufriedenstellenden Schaltflächen mehr bietet? Genau, eine kostenpflichtige Telefonnummer.
Damit man den Satz hört: „Darauf habe ich keinen Zugriff, wenden Sie sich bitte an …“ Richtig, wieder an eine kostenpflichtige Nummer. Mit einer jungen Dame dran, die erst „Hier sind Sie falsch!“ ausrief und dann entsetzt fragte: „Denken Sie, dass Sie die BahnCard kostenfrei bekommen?“ (Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich kann mich im Allgemeinen verständlich ausdrücken und hatte auch eine der deutschen Sprache mächtigen Mitarbeiterin am Apparat.) Nein, ich dachte nicht, dass ich bei der Bahn etwas umsonst bekäme – hatte jedoch auch keine Lust, auf meine Kosten den Vorgang noch einmal zu erzählen … tat es allerdings gezwungenermaßen und zähneknirschend, um dann zu vernehmen: „Darauf habe ich keinen Zugriff.“
So, nun werde ich also in die 17 km entfernte Stadt zum nächsten Schalter fahren, dort meinen Wunsch vortragen und mich beeilen müssen (denn die schließen heute schon um 16.15 Uhr).
Die Bahn macht wirklich mobil.
(Teil 8, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)
„Toll, dass es dich auch noch gibt!“ Er bemüht sich um einen finsteren Blick und tastet nach dem großen Umschlag auf dem Tisch. „Wolltest du mir nicht schon vor zwei Wochen beim Exposé helfen?“
„Ja“, Anika grinst nicht sonderlich reumütig, „aber ich hatte dringende Angelegenheiten.“
„Und wenn nun in der Zwischenzeit“, er versucht wenigstens, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen, „ein anderes Manuskript angenommen, mir der Programmplatz weggeschnappt worden wäre?“
„Unwahrscheinlich.“ Sie schüttelt überzeugt den Kopf. „Oder würdest du dich als überlasteter Lektor ausgerechnet jetzt auf ein unverlangt eingereichtes Manuskript stürzen?“
„Warum nicht?“
„Schließlich stecken alle noch in den Nachwehen der Buchmesse und erfahrungsgemäß werden dabei Neulinge genauso gern bearbeitet wie kurz vor den Messen und Vertreterkonferenzen.“
„Ha“, triumphierend hebt er den Umschlag hoch, „aber ich hab mich darum nicht geschert und es trotzdem getan.“
„Alles schon eingereicht?“ Sie reißt die Augen auf. „Ohne zu …?“
„Genau. Und auf den Verlag zugeschnitten.“ Er nickt stolz. „Wie bei einer Job-Bewerbung. Selbst das Anschreiben war ganz individuell und sollte ködern.“
„Das will ich sehen.“ Sie streckt die Hand nach dem Umschlag aus. „Du hattest dir inzwischen wirklich überlegt, in welchem Genre dein Buch anzusiedeln wäre?“ Ihr Tonfall wird ansatzweise zickig. „Für welche Lesergruppe es interessant wäre?“
„Ja, liebe Anika, meine Zielgruppe konnte ich damit ermitteln.“ Er stöhnt verhalten und zieht die Papiere aus ihrer Reichweite. „Du kannst mir glauben, auch einen brauchbaren Arbeitstitel habe ich allein gefunden. Und sogar rausgefunden, warum ich eigentlich meine Lieblingsbücher auflisten sollte.“
„Ach, nee.“
„Hattest mir ja genug Zeit gelassen“, er schwenkt den Umschlag, „auf diese Weise meinen bevorzugten Verlag zu entdecken und die offensichtlich von mir geliebten Kategorien. Von dem Punkt aus war es mit den Schreibratgebern auch relativ einfach, mein Manuskript in die geeignete Reihe einzuordnen und im Exposé ein Format vorzuschlagen.“
„Mach es nicht so spannend!“ Sie schnappt nach den Papieren – vergeblich.
„Entspann dich. Was willst du wissen? Ob ich an daran gedacht habe, außer dem Manuskriptumfang auch Ort und Zeit der Handlung anzugeben?“ Ihm macht es Spaß, sie zappeln zu lassen. „Hatte ich doch schon das letzte Mal getan. Und diesmal führte ich sogar die Perspektive des Erzählers an, wie auch einen gekürzten Überblick über den Inhalt.“ Er betont die folgenden Worte, als gäbe er ein Staatsgeheimnis preis. „In Form eines Klappentextes.“
Doch sie macht ihm nicht die Freude, vor Ehrfurcht zu erstarren. „Und wie ist es mit dem Überblick über die Hauptfiguren? Wie entwickeln sich deine Personen während der Erzählung?“
„Rasant und überraschend.“ Er grinst. „Ist alles erledigt. Auch meine Szenenübersicht habe ich verbessert, jetzt die spannendsten Stellen angeführt.“
Sie gibt auf, lässt den noch immer ausgestreckten Arm sinken. „Ich nehme an, dass du die Leseprobe ebenfalls beigelegt hast?“
„Das erste Kapitel, wie von dem Verlag gewünscht. Direkt im Anschluss an meine aufgehübschte Vita“, lacht er.
„Ach, hast du doch ein kriminell gutes Beispiel, ein Idol, einen Promi in deiner Ahnenreihe gefunden?“
„Nein, aber ich konnte belegen, warum ich mich in meinen Helden hinein versetzen und mit ihm fühlen kann, dass regionales Insiderwissen nicht zu unterschätzen ist … und damit kann ja wohl jeder Witz von einer Veröffentlichungsliste wettgemacht werden, nicht?“
„Ich weiß nicht“, sie zuckt mit den Schultern. „Dein Enthusiasmus in allen Ehren, aber ob die Assistenten und Sekretärinnen, das Lektorat und die Programmleitung, der Verleger und seine Vertriebsleitung das genauso sehen …“
„Hast recht“, er überreicht ihr endlich den Umschlag, „deshalb hab ich mich ja auch nicht mehr an einen Giganten, sondern einen Regionalverlag gewandt. Du weißt, kleinere Brötchen und so …“
Sie zieht die Papiere hervor, fängt an zu lesen und murmelt verblüfft: „Aber das ist ja …“
Zapfen, Nüsse, Kastanien, Möhren, Zierpflanzen, ehemals stabile Kartons und (eigentlich zu diesem Zweck hergestelltes) Kauspielzeug werden geduldig zerfetzt, Eierschalen dagegen rasch und restlos zermalmt und ebenso wie Steine verschluckt …
… und auch wir haben zu “leiden”. Haut und Lippen bekommen schon blutende Kratzer beim wiedersehensfreudigen oder eifersüchtigen Anspringen bzw. Umreißen ab – und wehe, wenn wir die wichtigen Dinge wie Schuhe, Kontoauszug und USB-Stick-Kappe aus dem ständig zuschnappenden Maul zurückholen … oder den Lederfußball (des Sohnemannes) vor dem Zerstören bewahren wollen.
Aber unsere Hoheit hat schon ihre Grenzen aufgezeigt bekommen – denn beim Zusammentreffen mit dem Boxerfreund von gegenüber … wurde Nero geplättet.
Was ihn aber sicher nur noch anspornen wird.








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