Du durchsuchst gerade das Tag-Archiv des 'Gästeführung Tags.
Ich freu mich ja immer, wenn ich Geld verdienen kann – besonders jetzt, wo ich auf dem Weg dahin (und mit mir besonders die 3 Millionen anderer Besitzer alter Autos) an den Tankstellen mit wohlklingenden Plus- und Premium-Bezeichnungen noch dreister abgezockt werde – sollte ich da vielleicht endlich mal mitmachen? Mich dieser Haltung anschließen, mich ebenso „gesittet“ benehmen?
Ooch, nee, ich bleib mir treu und biete weiterhin bezahlbare und befriedigende Leistungen, ohne falsches Etikett an. Und freu mich deshalb natürlich sehr über Anfragen und Zusagen.
Beispielsweise sollte ich neulich auf einem von Tausenden Besuchern frequentierten Event mich und meine für die Region bedeutende Arbeit vorstellen, denn „wir wollen nun auch regionale Kultur anbieten“.
Aha.
Die angekündigte Kulturinsel für mich als Schriftstellerin und die anderen Künstler entpuppte sich aber leider als einige aufgestellte Tische an der Turnhallenwand, genau vor einem „fotogenen“ Fußballtor – und nur zu finden für jene, die auf der Suche nach einer Toilette die Turnhalle betreten hatten und am Kuchenbüfett sowie den vergnüglich speisenden Gästen vorbei bis zum Ende der Turnhalle geschlendert wären.
Dass ich meine Deko fassungslos eingepackt habe und verschwunden bin, wurde dann doch bemerkt und mit Verwunderung aufgenommen – sogar von der am Nachbartisch wunderbare Ostereier herstellenden und dennoch kaum beachteten Frau, die still weiter litt … in der Hoffnung auf eine von den Veranstaltern erwähnte Aufwandsentschädigung.
Und denkt Ihr, das wäre nur in Bezug auf Schriftsteller und ihre viel zitierte “brotlose Kunst“ so?
Nein, auch als Gästeführer – bekannt, beliebt und bis zu einem gewissen Grade
begehrt – soll man Touristen schöne Anekdoten erzählen und in glückselige Stimmung versetzen, dabei möglichst auch zur Freude der Besucher einen tonnenschweren Kahn mit einem über 4 Meter langen Rudel staken und die ungeduldigen Nachrücker an der Anlegestelle beruhigen …
Tolle Idee – und umzusetzen wäre es hier für ortsübliche 12,00 € die Stunde.
Mehr kann der Veranstalter für die Durchführenden nicht zahlen, will er nicht die Besucherpreise in die Höhe schrauben und dennoch die Kosten für Organisation, Arbeitsmaterial und Werbung aufbringen …
Tja, ich als Letzter in der Kette sehe das natürlich anders – denn entweder überzeuge ich mit spezifischem Wissen und Können oder mache bei solcher Art Honorar und Turnhallen-Arbeitsatmosphäre enorme Abstriche an meiner Qualität, an Auftreten, Weiterbildung und Leistungsumfang.
Deshalb frage ich – die sich lieber treu bleiben würde – ab sofort bei Anfragen nach:
Wie viel Kultur hätten Sie denn gern?
lachte der Vorsitzende vom Gästeführerring Südbrandenburg / Nordsachsen e.V., zugleich Moderator beim 2. Brandenburgtag der Gästeführer in Mühlberg – und zack, brach er seinen Vortrag ab.
Das überraschte mich.
Schließlich hatte er ihn akribisch vorbereitet – aber so bewies er auch, dass er flexibel sein konnte. Und erfinderisch – er überbrückte für die Gäste aus Werder, Cottbus, Muskau, dem Spreewald und Welzow mühelos die Verspätung durch den Potsdamer Bus, erklärte elegant das Fehlen des eigentlich geplanten Redners und die erste
Änderung im Programmablauf.
Aber das fiel gar nicht groß auf durch die gute Vorbereitung der Mühlberger Gästeführer und ihrer Helferinnen beim Schaffen einer Wohlfühlatmosphäre. Mit ihrem angenehm dekorierten Rathaussaal, einer nett begrüßenden Bürgermeisterin, einem perfekt arrangierten Büfett, dem Reichen von Brot nach altem, heimischem Rezept und musikalischer Untermalung, der Verlesung von mehreren Grußbotschaften.
Und während es draußen zu schneien begann, genossen wir drinnen Kaffee und Saft, hörten unserem Vorsitzenden beim Schildern des Spießrutenlaufes zu und erfuhren danach beim gegenseitigen Vorstellen, dass der Potsdamer Verein von 11 Gründungsmitgliedern auf 90 Mitglieder angewachsen ist, dass die Werdaer mehr als Inselführungen anbieten, bemerkten auch erstaunt das gelöste Nachwuchsproblem bei den Welzowern und erfreuten uns an der schönen Wilhelmine aus Potsdam, die trotz ihres Geburtstages angereist war und uns mit „Liebesfreud und Liebesleid“ beglückte.
„Es gab mal in Mühlberg 36 Gaststätten …“
Dieser Seufzer läutete die nächste Änderung ein, das Splitten des Stadtrundganges für die Wege zwischen Rathaus und „Hamburger Hof“, wo das Mittagessen eingenommen werden sollte. Auch diese Abwandlung wurde freudig aufgenommen – schließlich lassen sich Gästeführer keine Gelegenheit entgehen, als Gäste durch eine attraktive Stadt geführt zu werden. In diesem Fall von Rosi Bauer und Walter Beyer, welche die Strecke durch nieselnde Schneeflocken und beißenden Wind hindurch mit Anekdoten ausschmückten.
„… und jetzt kann man die Fische aus der Elbe auch wieder essen.“
Ich schloss mich Rosi an und vernahm, wo sie sich als Gästeführerin immer austoben konnte, was es mit dem Verein für die Wasserpumpe auf sich hatte, wie das Baggerschiff zum gefürchteten Geschoss werden sollte, „was sich die hohen Herren für ein Ding geleistet hatten“ und wer damals die Brühe aus der hohlen Hand schlürfen musste.
„Ich war glücklich, dass meine Brille beschlug.“
Das meinte nach dem Gang eine Potsdamerin zu mir beim Betreten der Gaststätte und Abschütteln der Nässe – und ich stimmte ihr zu. Die Wärme war wohlig, das Essen ausgezeichnet, die Gespräche untereinander fabelhaft. (Tja, Pech für diejenigen, die verhindert waren.)
So konnte wir gestärkt, aufgewärmt und ausgeruht die restlichen Sehenswürdigkeiten bewältigen, uns unverzüglich dann – sofern gewünscht und benötigt – wieder auf Kaffee und köstlichen Kuchen stürzen, dies bei musikalischer Begleitung genießen und uns endgültig gestärkt auf die angebotenen Workshops verteilen, alles über Wert und Form von Führungen sowie die bestmögliche Öffentlichkeitsarbeit erfahren.
„Gewöhn dich dran, reden musste!“
Das bekam eine der 10 jungen, angehenden Gästeführer gleich zu hören, als sie beim Workshop für Öffentlichkeitsarbeit druckste – aber die alten Hasen halfen auch sofort aus der Klemme, mit Tipps, Tricks und Erfahrungen, wann Flyer sinnvoll und Pressemitteilungen zu öde sind, wie man Themen findet und Redakteure begeistern kann.
Und das schafften wir im Schnelldurchlauf – schließlich hatten wir einen Plan
und Busabfahrten, Zugpläne zu berücksichtigen.
So gab es noch rasch die Ergebnisse mit Hinweisen zur Kalkulation und Vorbereitung von den anderen Workshops perfekt komprimiert. (Kennt das jemand von anderen Versammlungen?) Und alle verließen pünktlich, aufgeklärt und zufrieden die Tagungsstätte.
Ja, es war ein unterhaltsamer und ergiebiger Tag – trotz (oder wegen?
) der mehrfachen Planänderungen.
Ooch, die Unkenrufe waren schon arg demotivierend, so kurz vor meiner brandaktuellen Erlebnisführung – schließlich sollte es mit 37°C der heißeste Tag des Jahres werden, und – ja, klar – wer sollte sich da schon freiwillig außerhalb der Reichweite von Ventilatoren bewegen? Schließlich blubberte fast der Straßenbelag, trocknete das Moos aus, flirrte die Luft, glühten die Geländer …
Und selbst für die Hartgesottenen und Kulturhungrigen gab es genug Auswahl: zeitgleich stattfindende Ausstellungen in Museen und Galerien, Führungen und Aufführungen, Verlockungen in Biergärten und Eispalästen … dazu noch das hiesige, jährliche Mega-Ereignis, das Rothsteiner Felsenfest in unmittelbarer Nähe. Mit Felsenmarkt und Vergnügungspark, internationalem Starfestival der Volksmusik, anschließender Disco und Cheerleader-Show … tja, hätte ich bei der Planung mal eher dran denken können
.
Und um das Maß voll zu machen, klappte es diesmal nicht so richtig mit den Veröffentlichungen in den Zeitungen … (an Presseverteiler und Anzeigenfrist muss ich definitiv noch arbeiten
).
Aber ich hatte immerhin Einladungen verschickt und ausgeteilt, Ankündigungen von netten Helfern auslegen und aufhängen lassen … erstaunlich viele Rückmeldungen erhalten und darunter logischerweise die erwarteten, jedoch sehr liebenswert formulierten Absagen.
Gleichwohl auch einige Zusagen.
Also packte ich – mit sorgenvollen Blicken zur hämisch kletternden Thermometersäule und zum anhaltend wolkenlosen Himmel – meine Überraschungen ein und streifte mir wie versprochen das mittelalterliche Kleid über, natürlich ein bodenlanges mit Schnürung und Trompetenärmeln
, fuhr zum Treffpunkt und ließ mich überraschen.
(Schließlich musste auch die Radtour des Chores durch die hitzebedingten, zurückgezogenen Zusagen ganz kurzfristig abgesagt werden
).
Doch sie kamen pünktlich. Alle.
Sogar mehr Gäste als erwartet, Ältere und Jüngere, aus dem Liebenwerdaer Stadtgebiet, den umliegenden Ortsteilen und selbst aus Falkenberg …
Da machte es so richtig Freude, die Zeitreise zu unternehmen, Sehenswürdigkeiten und „heimliche Dinge“ zu zeigen, von der „Zwietracht“ zu berichten, die mittelalterlichen Gaben anzubieten … und so zum Zuge zu kommen
.
„Danke.“
… zu arbeiten“, stöhnte ich heute (am Sonntag!) beim Zusammenpacken meiner Utensilien.
Es war auch garantiert für die anderen Leute zu drückend, um Schlösser zu besuchen und historischen Abhandlungen zu lauschen. Nein, heute war ein Tag zum Schwimmen, Tauchen, Plantschen, Sonnenbaden … Warum sollte ich also – während mir der Schweiß von der Stirn über die Brauen in die Augen tropfte – Bücher und Bilder, Dokumente und Präsente einpacken?
Aber ich tat es aus Pflichtgefühl – hatte mich ja immerhin in Mühlberg (bei den mit mir kooperierenden Gästeführerinnen) wieder angekündigt.
So schleppte ich also sperrige Körbe und schwere Taschen zum aufgeheizten Auto, jagte das arme Ding über noch erhitztere, vereinsamte Straßen zum Schloss und rechnete ernsthaft mit null Besuchern … doch ein älterer Herr wartete schon. Er erhob sich bei meinem Anblick, begrüßte mich freudestrahlend mit „Frau Günther? Wir hatten uns doch das letzte Mal unterhalten … und heute möchte ich Ihr Buch kaufen.“ (Er verunsicherte mich übrigens damit, da ich mich nicht erinnern konnte
).
Und es wurde noch angenehmer mit ihm … denn er hatte sogar eine Unterlage mit, auf die ich mich während unseres Gespräches setzen konnte – und mich dann auch noch über den Auftrag zur Entzifferung und Übersetzung alter Belege … und dazu über sein Engagement für einen eventuellen Forschungsauftrag freuen konnte.
Doch das Tollste an der ganzen Sache war sein Einsatz – er kam für dieses Treffen aus dem 56 km entfernten Coswig … über Meißen und Riesa … mit Umsteigenotwendigkeiten und am Sonntag stark reduzierten, öffentlichen Verkehrsmitteln … war dafür stundenlang in der glühenden Hitze unterwegs …
Wenn nun ich wegen der Hitze nicht gefahren wäre!
Möchte ich manchmal den gefrusteten, dem Pauk-Ende entgegen fiebernden Schülern zurufen (habe ja selbst mehrere Exemplare davon zuhause
). Aber gut, nicht jeder will Autor oder Gästeführer werden, muss daher auch nicht fesselnde Anekdoten im Archiv ausgraben
oder sich für die Vorbereitung von Erlebnistouren, Ausflügen und Stadtführungen in seine alte Uni-Bleibe, die diesjährige Gastgeberstadt für die Gästeführertagung begeben.
Dort hörte ich mir zwar nichts mehr über Verfahrenstechnik, Strömungsmechanik und die Veredlung von Kohlenschlämmen (mein uraltes Spezialgebiet
an der Bergakademie) an, aber ich lernte wieder Spannendes über die Stadt (auch, was man als Gästeführer nie tun sollte), Attraktives über Versicherungen bei den Vorträgen
(faszinierenderweise im Festsaal und in der gemieteten Nikolaikirche) und bei den Workshops (wobei der von mir gewählte durch den Ausfall der Technik etwas verunglückt war … so dass wir den „Aufbau der Homepage“ als Trockenschwimmen veranstalten mussten). Ich erfuhr sogar Dinge über die Bergmänner, die ich während meiner gesamten Studienzeit nicht gesagt bekommen hatte, erfreute mich unheimlich an Aufmarsch und Konzert der Saxonisten,
beobachtete genau, was eine gute Veranstaltung ausmacht (und empfehle nebenher sehr gern einen Besuch in Freiberg und natürlich auch die Buchung der Gästeführer in Berlin, München, Würzburg, Berching, Heidelberg, Eisenach, Mühlberg, Uebigau …
).
Ich lernte also von den Besten – und werde mein gesammeltes Wissen gern weitergeben, so dass ihr für Zeitreisen zu den Schlössern und Herrensitzen im Elbe-Elster-Gebiet, für das Erleben von geheimen Missionen im Mittelalter und das Fühlen mit den Opfern des 30-jährigen Krieges nur noch meine Kontaktdaten auswendig lernen müsst
.

















Kommentare