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Ich weiß nicht mehr, wer wen geküsst hat, er mich oder ich ihn. Aber eines weiß ich genau: Es war der unglaublichste Kuss, den ich je bekommen habe. Irgendwann hörte Heribert dann auf, mich zu küssen.” (Zitat aus einer neu erschienenen, wahren Liebesgeschichte)

Grrh!

Ich würde es den unglaublichsten Kuss meines Lebens nennen, wenn sich alles im Bauch zusammengezogen und der Schambereich pulsiert hätte, Beine zittern, Finger schwitzen und kribbeln, Ohren rauschen, Brustwarzen sich verhärten und die Zungen miteinander spielen würden, die Lippen sich nicht mehr voneinander lösen wollten … oder so.

Na ja. Jedenfalls hörte ich an dieser Stelle auf, das Buch zu lesen. Legte es endgültig weg, weil der Schreibstil verhinderte, dass ich mich auf die Handlung konzentrieren und positive Gefühle beim Lesen entwickeln konnte. Doch ich war längst zur Lesung des nämlichen Buches eingeladen worden, fuhr hin – und wurde unsagbar überrascht.

Die Veranstaltung war professionell vorbereitet worden, die Autorin sympathisch, der verpflichtete Schauspieler genial, auch Moderator, Einlasskräfte, Catering und Büchertisch der örtlichen Buchhändlerin optimal aufeinander abgestimmt. Die Marketingmaßnahmen via Facebook und Regionalpresse hatten gegriffen, der Saal füllte sich mit einem bunt gemischten Publikum. Verwandte, Freunde, Bekannte, Fremde wie ich und ehemalige Lehrer der Autorin nahmen Platz und lauschten der wirklich gelungenen Präsentation.

Wäre doch nur das Buch selbst auch so annehmbar!

Aber ich krümmte mich innerlich bei den Passagen à la “Beim Eintreten brummte er ‘Mahlzeit’, wir antworteten ebenfalls mit ‘Mahlzeit’ … Alle wünschten ‘Mahlzeit’…” – im Gegensatz zu den Lehrern.

Die schienen sich nicht zu wundern, dass diese Sätze von einer studierten Journalistin und Redakteurin stammten und innerhalb von vier Wochen von einem renommierten Verlag angenommen worden waren. Auch die anderen knapp 200 Zuhörer klatschten begeistert Beifall, lachten entzückt und etliche reihten sich in die Schlange ein, um das Buch käuflich zu erwerben. Veranlassten somit die Buchhändlerin (die über meine Bücher meint, dass diese zu unverständlich für viele ihrer Kunden wären) zu einem seligen: “Sie schreibt, wie man spricht, aber es liest sich gut.”

Tja, da hätte mich wohl eine andere Muse küssen sollen … um das verstehen zu können.

Normalerweise – da ich ja dringend eine Struktur brauche :-) – ist der Samstag dem Bloggen über meine Zeitreisen und Lesungen vorbehalten. Doch es gibt keine Regel, die man nicht brechen könnte … und so will ich heute auf das Lesen im Abidiblog hinweisen.

Das ist nämlich einfach köstlich.

Und drauf gekommen bin ich, weil im weltbesten Netzwerk Texttreff zurzeit ein Blogwichteln veranstaltet wird, ich den Abidiblog zugelost bekam und darüber richtig froh bin.

Weil man sich dort festlesen kann.

(Teil 10, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)

„Sprich endlich mit mir, MM!“ Anika sieht ihn prüfend an. „Was ist aus deinen Träumen, was ist aus dem sich hoffnungsvoll ausbreitenden Yannik honey fungus geworden?“ Sie greift in ihre Tasche und zieht einen Stapel Papiere heraus.

„Rekapitulieren wir mal. Zuerst war doch dein Manuskript zu speziell geraten. Deshalb hast du alles für eine umfangreichere Leserschaft umgeschrieben. Damit war es aber zu fade geworden und reif für den Plan B.“

„Hast du gemeint!“ Er funkelt sie an. „Ich fand es universeller.“

„Hmm“, sie schmunzelt zurück, „wie auch immer. Jedenfalls war es höchste Zeit für einige Aufreger in deinem Leben.“

„Die ich ja in Netzwerken und Ratgebern gefunden habe“, er winkt ab. „Und ich habe auch ohne eigenen Glamour und Exzesse genügend Schlüpfrigkeit und Doppeldeutigkeit in mein Werk eingebaut.“

„Meinst du wirklich“, sie wedelt mit den Papieren, „dass das für die richtigen Leute gereicht hat? Hast du schon vergessen, wie du von den anderen über den Tisch gezogen werden solltest?“

„Das hab ich genauso wenig wie deine Hilfe in Bezug auf das Auftreten gegenüber Verlagen und Agenturen. Ich hatte ja dadurch das Exposé angepasst und so den Interessenten gefunden.“

„Stimmt“, sie legt die Papiere ordentlich ab und beugt sich grinsend vor, „das hatte mit dem Lektor und Plan B geklappt . Aber …“, sie lässt das Grinsen entweichen und schaut ihn wieder durchdringend an, „seitdem ist doch so viel Zeit vergangen, dass ich dein Buch schon längst hätte entdecken müssen.“

„Es ist vergriffen.“

„Wahnsinn! Und wieso bist du dann so miesepetrig drauf, gerade so, als ob man dich retten müsste?“

„Vielleicht, weil ich durch das Schreiben und Vermarkten verletzlicher geworden bin und erst in der vorigen Woche wieder beunruhigende Sachen gelesen habe?“

„Was hat dich denn erschüttert?“

„Dass man trotz aller Liebe zum Bücherschreiben und der Treue zu sich selbst ganz schön wandelbar sein muss. Erst dünnhäutig, dann mit einem Schildkrötenpanzer, wie die gestandene Autorin Carmen Winter meint.“

„Wenn es dem Erfolg dient, warum nicht.“

„Na ja, Erfolg ist relativ. Ich kann mich nicht ständig verbiegen, nur weil es die Vertriebler verlangen. Eher halte ich es mit Hans Pleschinski, der sich trotzig vom Markt abkoppelt und gewollt unverdaulich ist.“

„Meinetwegen sei auch das, Hauptsache, du verkaufst dich.“ Sie lacht schallend – und merkt erst ziemlich spät, dass er nicht einstimmt.

Ich liebe ja Krimis, Psychothriller und – wenn ich gut drauf bin – auch Horror und Mystery.

Ich mag auch Kinder, klein, naiv, unschuldig und schützenswert.

Und ich wäre nie von allein auf die Idee gekommen, beides zu „vermischen“, mit Kindern Horrorszenen zu besprechen.

Aber die Kinder in einem meiner letzten Workshops wollten das – und verblüfften mich damit total.

Wo war die Begeisterung für „Biene Maja“ oder „Shrek!“, „101 Dalmatiner“, „Zurück in die Zukunft“ oder meinetwegen auch „Barbie und …“ geblieben?

Nichts davon wollten die Zehn- und Elfjährigen kreativ beschreiben, nur eine Geschichte mit Mord und Verfolgungsangst, mit Wasserleichen, faulendem Fleisch, Sägen à la Jig Saw und Bomben auf die Heimatstadt … und was taten sie, als ich ihnen von meinem Entsetzen bei den „Star Wars“-Neuverfilmungen berichtete, meinem Ekel bei den Leidensszenen von Anakin Skywalker, dem Abschneiden von Beinen und Verbrennen im Lavastrom?

Sie lächelten milde und erklärten mir ihrerseits das Normale, das Gewohnte an solchen Massakern wie in „Chucky – die Mörderpuppe“, Saw I bis IV, „Sieben“, „The House of Wax“ … mit Äxten, Drähten, Fallen, Kettensägen …

Klar, damit ist unser Nachwuchs bestens gerüstet. Bereit, um alles leicht zu zerstückeln …

… hatte Evelin Heimann vom Romanverlag mit ihren 100 Lesungen an 100 Orten gehabt, zu absolvieren an 100 Tagen.

Logisch, dass eine solch hervorstechende Eingebung gewürdigt werden müsste.

Nicht nur von den unermüdlichen Bibliothekarinnen, eindrucksvoll auf dem Markt kämpfenden BuchhändlerInnen und anderen fleißigen Veranstaltern, welche der bewundernswert amüsant und effektvoll vortragenden Frau Heimann die Bühne boten. Für die Vorstellung einer hervorragend geschriebenen, detailreichen, witzigen und sprachlich ausgefeilten Krimikomödie … der Bereitstellung von Getränken und eines geschmackvollen Büfetts in heimeliger Atmosphäre zur Abschlussveranstaltung im eigenen Ort hätte es dann gar nicht mehr bedurft.

Dachte ich, denn schließlich hatte sie auch das Interesse des Bürgermeisters geweckt, eine wirksame Werbemaschinerie in Gang gesetzt – und die Qualität von Autorin und Werk sprach eh’ für sich.

Doch dann … saßen zwar bei der Veranstaltung relativ viele Besucher, aber es waren hauptsächlich die „üblichen Verdächtigen“. Ich vermisste dagegen sich drängelnde Medienvertreter, vor allem die regionalen Fernsehmacher (im Nachbarkreis war eine Sendung möglich gewesen ;-) ), die geballte Stadtverwaltung, potentielle Sponsoren ;-) und auch die Lehrer, die die Kinder immer zum Lesen mahnen.

Warum kamen die nicht, opferten ihre Freizeit für einen Kunstgenuss? Was hätte Frau Heimann besser machen können, um sie zu ködern?

Vielleicht hätte sie mit ihren Werken eher einem Trend folgen sollen? Sich als Trittbrettfahrerin beispielsweise auf den Siegeszug der Vampire aufzuschwingen? So wie die als jung angepriesene, in einem sehr großen Publikumsverlag verlegte und in mehreren Ländern vertretene Autorin, die zwar über Begebenheiten im London des 19. Jahrhunderts schrieb, ihren Roman aber nur mit „raffte sie die Röcke“, „setzte sich in die Kutsche“, „puderte sich die Nase“ geschichtlich anreicherte? Dazu aber Unmengen teils englischer Zitate einflocht, auch „doof“ mit „indigniert“ kombinierte, den Großvater mit dem Vater trotz Lektorat verwechselte und manche Handlungen komplett unterschlug? (Dazu erinnerte mich, der zum Fan vom blutsaugenden Edward mutierten, schon ziemlich alten Frau in dem „Werk“ auch viel zu viel an die gelungene Leistung von Stephenie Meyer, die wenigstens aus einem düsteren Mysterium eine höchst begehrenswerte Sache schaffen und die Spannung über Hunderte Seiten hinweg halten konnte …)

Hmm … vielleicht hätte aber Frau Heimann auch den Weg der Provokation gehen sollen? Nicht gerade über feuchte Gebiete und das Ekelzeugs in einfacher Sprache zu schreiben … aber sich vielleicht bei anderen Leuten zu bedienen, über die Quellen zu schweigen und die so gefundenen Entsetzlichkeiten als die ihrigen zu verkaufen – und beim Erwischen das von ihrem großen Publikumsverlag als Vorwand nehmen zu lassen, eine neue Auflage mit dem Quellenverzeichnis auf den Markt zu werfen … und damit in die Vorauswahl für eine respektable Ehrung zu kommen …

Anstatt wie unsereins geschäftsuntüchtig akribisch zu recherchieren, mit Herzblut zu schreiben, mit gnadenloser Verbissenheit für höheren Lesegenuss alles wieder zig Mal umzuschreiben?

Sich dann um die wenigen Lesungstermine mit unzähligen Konkurrenten und einem noch geringeren Budget für die Honorare zu ringen, bei Erfolg danach genauestens auf eine Veranstaltung vorzubereiten, Einladungen zu verschicken, die Presse zu mobilisieren zu versuchen, Bücher zu schleppen, auf Verkäufe und breite Resonanz zu hoffen … dafür sogar ein Büffet mit belegten Broten, Unmengen Früchten, Schnitzel, Lende und Leber auffahren zu lassen?

Während die bescheiden formulierenden, vorwiegend niedere Instinkte befriedigenden Autorinnen Bestseller landen, übersetzt werden, Geburtstagsfeiern unter höchster Mediendichte im angesagtesten Club organisiert bekommen?

Was für ein Wahnsinn … und das im Land der Dichter und Denker.

… eine Geschichte zuzusagen. Sie tatsächlich zu schreiben, dauert erheblich länger.

Noch dazu, wenn sich der Himmel zusehends verdunkelt, die Regentropfen nun stärker gegen die Fenster klatschen und aufs Dach trommeln, die Blitze zucken und der Donner grollt. Doch ich schreibe weiter. Am Notebook – mit Akku, nur für alle Fälle – während Kaiser Nero den Schwanz einzieht und leise winselt. Ich kann mich damit nicht befassen, schließlich habe ich einen Abgabetermin für die neue Geschichte. Eine, in der gerade Mühlberg, der Ort meiner Handlung, verwüstet wird.

Und plötzlich ist es Realität.

Ich werde von Freunden benachrichtigt – höre und sehe, wie Dächer in Mühlberg von Bäumen zerdonnert werden, die Klosterkirche ihre Spitze verliert, die Einwohner um Häuser und Autos bangen, plötzlich Äste, Zweige und Regenpfützen in ihren Zimmern vorfinden, entsetzt den Sturm beobachten.

Und dann ist der Spuk vorbei. Hat nur wenige Minuten gedauert.

meinte Christine, als wir uns beim Nürnberger Autorentreffen über Schreibhindernisse austauschten, und über Blockaden und Ablehnungen, Selbstzweifel und das Hallelujah-Gefühl bei gelungenen Kapiteln.

Der Erfahrungsaustausch war ja neben Wiedersehen und Kennenlernen der Sinn der Sache und mir lief „heuer“ eine mörderische Schwester über den Weg, dazu eine Namensvetterin aus dem Norden und eine Bekannte mit Ost-Wurzeln, ich sah ebenfalls ein 8 Wochen altes Baby und einen 12 Jahre alten Hund unter den rund 70 Teilnehmern, welche die Veranstalterin alle mit Namen begrüßte, obwohl die wenigsten eine Homepage mit Fotos hatten, die meisten nie in den Medien waren, man sich auch nur einmal im Jahr traf. Wie machte Ursula das bloß?

Ich habe es auch bei diesem, meinem dritten Treffen nicht herausgefunden. Bei dem ich zugegebenermaßen nicht mehr viel Neues lernte, immerhin wusste ich ja längst, wie man glaubwürdige Protagonisten erschuf, wie die Spannung in den Krimi kommt, was ich bei einer Lesung nie sagen würde und welche verblüffenden Fragen aus dem Publikum kommen könnten.

Diesmal interessierte ich mich hauptsächlich für das Drehbuch – schließlich wurde ich in letzter Zeit wieder häufiger von begeisterten „Sturm der Verdammnis“-Lesern auf eine Verfilmung ihres geliebten Stoffes angesprochen. Nun wusste ich schon für die Erstellung des damaligen Fernsehbeitrages für zibb im rbb, wie schwierig es sein kann, einen packenden Dialog für 20 Sekunden auszuwählen und glaubhaft rüberbringen zu lassen und die Kulisse mit Schloss, Pferden, Ratsherren, beschäftigten Mägden und Bütteln, wandelnden Damen und Herren in ihren historischen Bekleidungen bereitzustellen, alles nicht allzu laienhaft aussehen zu lassen – und ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie teuer eine Filmproduktion werden kann. Schließlich steckten schon damals für den 3 Minuten-Beitrag an 4 Drehorten mehr als 6 Stunden Arbeit von Moderatorin, Kamerateam und Darstellern drin.

Und der vortragende Drehbuchautor Oliver Pautsch bestätigte dann auch, dass es wie im Literaturbetrieb zugeht. Man sich permanent anbieten und Kontakte knüpfen, um Fördermittel buhlen und unzählige Konkurrenten verdrängen muss und vierstellige Summen schon für Kurzfilme von 15 Minuten aufgetrieben werden müssen, in denen 1 Woche Arbeit stecken kann. Auch, wenn die 2 Darsteller umsonst arbeiten und nur ein Häuschen als Kulisse gebraucht wird …

Ooch, wieder ein Zahn gezogen.

Na, wenigstens war es dann beim Mittagessen erfrischender. Einer ohne Punkt und Komma redenden Teilnehmerin zuzuhören, die ihrem Nebenmann genau erklärte, wie er zum Erfolg kommen könnte. Ich wurde allerdings stutzig, als sie von den Verlagen sprach und deren Zugeständnissen hinsichtlich Abgabetermin und Honorarzahlungen … und ich lehnte mich milde lächelnd zurück, widmete mich wieder meinem Schnitzel … da die eifrige Dame das Wunder nicht selbst erlebt hatte, nur vom Hörensagen ihrer Freundin berichtete.

Also ist weiterhin Kämpfen und Leiden angesagt, Durchsetzen und Dranbleiben, um irgendwann den (vom ebenfalls im Bildungszentrum referierenden PERRY RHODAN-Chefredakteur Klaus N. Frick) erwähnten Adelsschlag zu erhalten, einmal im Leben in den Drehständer von Edeka zu kommen.

Auch, wenn ich dafür zunächst über bellende Papageien schreiben muss.

(Teil 9, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)

„Wie hast du das geschafft, wie den Verlag für dich interessieren können, MM?“, fragt Anika bewundernd und ordnet den Stapel Papiere.

„Müller-Meier ist out.” Er tippt auf das Deckblatt, fährt pathetisch mit dem Finger über die Autorenangaben. „Du sprichst jetzt mit Yannik honey fungus, der sich in der Verlagsbranche ausbreiten wird wie ein Pilz im Wald, voll mit Sporen, getragen vom Wind, umspielt vom Regen.“

„Bist du unter die Biologen gegangen?“

„Quatsch. Aber die Lektorin des Verlages möchte“, er zieht eine Seite mit Anmerkungen hervor, „dass ich zum Beispiel bildhafter schreibe. Also übe ich das.“

„Was will sie noch?“

„Dass ich meine Handlungsstränge mehr ausrichte und“, er seufzt, „einige Passagen komplett umschreibe.“

„Sie hat sich in der kurzen Zeit dermaßen eingelesen?“ Anikas Verblüffung wird fühlbar. „Dann musst du mit deiner Idee ja zum richtigen Zeitpunkt gekommen sein, offene Türen eingerannt haben.“

„Ja“, er lacht auf, „die Tür zu ihrem Büro war offen gewesen, als ich im Verlag vorbeischaute.“

„Und sie hat sich gleich um dich gekümmert?“ Misstrauisch schürzt Anika die Lippen. „Ihre Regale waren nicht voll mit Projektordnern, die Tische quollen nicht über, das Telefon klingelte nicht ununterbrochen, der Monitor war nicht beklebt mit Erinnerungszetteln?“

„Doch, aber der Praktikant, den ich kurz vorher auf der Messe getroffen und gesprochen hatte, lotste mich an allem vorbei.“

„Der Praktikant?!“

„Ja, ihr Sohn und ein ehemaliger Schulkamerad von mir“, er lacht schallend. „So viel zu Plan B, meinem Vitamin B, meiner förderlichen Beziehung.“

„Klasse!“ Sie lächelt und beugt sich wieder über die Papiere. „Kenne ich den Verlag?“

„Äh, es ist nur ein kleiner. Aber“, setzt er schnell hinzu, „deswegen nicht weniger erfolgreich. Mit einem Dutzend vertretener Autoren und oft in der Presse zu finden.“

„Und wo ist der Haken?“

„Sei doch nicht so negativ“, zieht er sie auf. „Das hast du jedenfalls früher zu mir gesagt.“

„Schon, aber das hier“, sie deutet auf das Blatt mit den grünen Anmerkungen, „ist fast zu schön, um wahr zu sein. Bis wann musst du denn die Änderungen eingearbeitet haben?“

„Innerhalb dieses Vierteljahres.“

„Ha, erst dann wird darüber entschieden?“ Sie winkt ab. „Vielleicht wollte dich die Lektorin nur abwimmeln oder hinhalten. Vielleicht kommt das böse Erwachen, die Absage vom Verleger wegen der mangelnden Verkaufschancen oder eines schon besetzten Programmplatzes eben etwas später.“

„Von wegen!“ Er ist wirklich empört. „Das hat mit dem Zeitplan zu tun. Für Lektorat und Grafik, Layout und Umschlaggestaltung, für Satz, Druck, das Binden und die Buhlphase.“

„Was soll denn das sein?“

„Die Zeit zum Wecken der Aufmerksamkeit von Vertretern, Buchhändlern und Presse, die Phase der Ankündigungen und Vorabdrucke bis zum Veröffentlichungstermin im nächsten Frühjahrsprogramm.“

„Steht das so im Vertrag?“

„Nein, das hat mir der Verleger beim Kaffee erklärt. Denn auch er traut mir zu, das Manuskript an die Vorgaben fristgerecht anzupassen. Offensichtlich im Gegensatz zu dir.“

„MM, ich will doch nur“, schmeichelt sie, „dass du nicht schon wieder enttäuscht wirst, dass du in der Vorfreude über die erste Verlagszusage dennoch das Kleingedruckte beachtest.“

„Mach ich doch!“ Er lehnt sich zurück und fängt an zu überlegen, wie er die nörgelnde Anika loswerden könnte.

Doch sie scheint bleiben und sich versöhnen zu wollen. „Also, ein Gespräch mit dem Verleger höchstpersönlich ist wirklich erfolgversprechend, ehrlich. Was hast du denn mit ihm noch ausgehandelt?“

„Ob ich Lesungen halten will und weitere Buchideen hätte. Ob ich an einer längerfristigen Zusammenarbeit interessiert sei und deswegen …“ Er zögert. Soll er ihr von den überraschenden Konditionen überhaupt erzählen?

(Teil 8, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)

„Toll, dass es dich auch noch gibt!“ Er bemüht sich um einen finsteren Blick und tastet nach dem großen Umschlag auf dem Tisch. „Wolltest du mir nicht schon vor zwei Wochen beim Exposé helfen?“

„Ja“, Anika grinst nicht sonderlich reumütig, „aber ich hatte dringende Angelegenheiten.“

„Und wenn nun in der Zwischenzeit“, er versucht wenigstens, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen, „ein anderes Manuskript angenommen, mir der Programmplatz weggeschnappt worden wäre?“

„Unwahrscheinlich.“ Sie schüttelt überzeugt den Kopf. „Oder würdest du dich als überlasteter Lektor ausgerechnet jetzt auf ein unverlangt eingereichtes Manuskript stürzen?“

„Warum nicht?“

„Schließlich stecken alle noch in den Nachwehen der Buchmesse und erfahrungsgemäß werden dabei Neulinge genauso gern bearbeitet wie kurz vor den Messen und Vertreterkonferenzen.“

„Ha“, triumphierend hebt er den Umschlag hoch, „aber ich hab mich darum nicht geschert und es trotzdem getan.“

„Alles schon eingereicht?“ Sie reißt die Augen auf. „Ohne zu …?“

„Genau. Und auf den Verlag zugeschnitten.“ Er nickt stolz. „Wie bei einer Job-Bewerbung. Selbst das Anschreiben war ganz individuell und sollte ködern.“

„Das will ich sehen.“ Sie streckt die Hand nach dem Umschlag aus. „Du hattest dir inzwischen wirklich überlegt, in welchem Genre dein Buch anzusiedeln wäre?“ Ihr Tonfall wird ansatzweise zickig. „Für welche Lesergruppe es interessant wäre?“

„Ja, liebe Anika, meine Zielgruppe konnte ich damit ermitteln.“ Er stöhnt verhalten und zieht die Papiere aus ihrer Reichweite. „Du kannst mir glauben, auch einen brauchbaren Arbeitstitel habe ich allein gefunden. Und sogar rausgefunden, warum ich eigentlich meine Lieblingsbücher auflisten sollte.“

„Ach, nee.“

„Hattest mir ja genug Zeit gelassen“, er schwenkt den Umschlag, „auf diese Weise meinen bevorzugten Verlag zu entdecken und die offensichtlich von mir geliebten Kategorien. Von dem Punkt aus war es mit den Schreibratgebern auch relativ einfach, mein Manuskript in die geeignete Reihe einzuordnen und im Exposé ein Format vorzuschlagen.“

„Mach es nicht so spannend!“ Sie schnappt nach den Papieren – vergeblich.

„Entspann dich. Was willst du wissen? Ob ich an daran gedacht habe, außer dem Manuskriptumfang auch Ort und Zeit der Handlung anzugeben?“ Ihm macht es Spaß, sie zappeln zu lassen. „Hatte ich doch schon das letzte Mal getan. Und diesmal führte ich sogar die Perspektive des Erzählers an, wie auch einen gekürzten Überblick über den Inhalt.“ Er betont die folgenden Worte, als gäbe er ein Staatsgeheimnis preis. „In Form eines Klappentextes.“

Doch sie macht ihm nicht die Freude, vor Ehrfurcht zu erstarren. „Und wie ist es mit dem Überblick über die Hauptfiguren? Wie entwickeln sich deine Personen während der Erzählung?“

„Rasant und überraschend.“ Er grinst. „Ist alles erledigt. Auch meine Szenenübersicht habe ich verbessert, jetzt die spannendsten Stellen angeführt.“

Sie gibt auf, lässt den noch immer ausgestreckten Arm sinken. „Ich nehme an, dass du die Leseprobe ebenfalls beigelegt hast?“

„Das erste Kapitel, wie von dem Verlag gewünscht. Direkt im Anschluss an meine aufgehübschte Vita“, lacht er.

„Ach, hast du doch ein kriminell gutes Beispiel, ein Idol, einen Promi in deiner Ahnenreihe gefunden?“

„Nein, aber ich konnte belegen, warum ich mich in meinen Helden hinein versetzen und mit ihm fühlen kann, dass regionales Insiderwissen nicht zu unterschätzen ist … und damit kann ja wohl jeder Witz von einer Veröffentlichungsliste wettgemacht werden, nicht?“

„Ich weiß nicht“, sie zuckt mit den Schultern. „Dein Enthusiasmus in allen Ehren, aber ob die Assistenten und Sekretärinnen, das Lektorat und die Programmleitung, der Verleger und seine Vertriebsleitung das genauso sehen …“

„Hast recht“, er überreicht ihr endlich den Umschlag, „deshalb hab ich mich ja auch nicht mehr an einen Giganten, sondern einen Regionalverlag gewandt. Du weißt, kleinere Brötchen und so …“

Sie zieht die Papiere hervor, fängt an zu lesen und murmelt verblüfft: „Aber das ist ja …“

(Teil 7, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)

„Grüß dich!“ Anika stürmt wie neulich die Wohnung, wirft einen Blick in die Küche, entscheidet sich im nächsten Moment für das Wohnzimmer, peilt das Sofa an und greift im Vorbeigehen nach dem auf dem Tisch liegenden Manuskript. „Zeig mir deine Standardseiten.“

Noch bevor sie Platz nimmt, begutachtet sie die Aufzeichnungen mit hochgezogenen Augenbrauen. „Der Kopfbereich mit Autor, Titel, Seitenzahl und Kontaktangaben ist anständig. Dazu der Text einseitig bedruckt auf losen Seiten mit einem vernünftigen Zeilenabstand für die Lesbarkeit und ein ordentlich breiter Rand für Bemerkungen und Korrekturen … fein gemacht. Kein Blocksatz, keine Silbentrennung, keine unnötigen Formatierungen … du hast alles beachtet.“ Sie beginnt, die Buchstaben und Leerräume zu zählen. „Hmm … 30 Zeilen mit jeweils 60 Zeichen … entspricht den für die Kalkulation des Buchumfangs notwendigen 1800 Zeichen. Du würdest in dieser Hinsicht schon mal professionell auftreten. Gut.“

„Nur gut? Weißt du überhaupt, was das für ein Stress war?“ Er setzt sich neben sie und tippt auf die unteren Seitenränder bei den Blättern. „Entweder hatte ich hier die gewünschten Zeilen oder nicht. Mal mehr, mal weniger. Wie ein Glücksspiel. Bis ich rausfand, dass ich bei MS Word die voreingestellte Absatzkontrolle rausnehmen musste.“

„Hast es doch geschafft“, kichert sie, „jetzt musst du nur noch die an eine Schreibmaschine erinnernde Schrift loswerden. Es gibt schönere.“

„Und die kann ich nehmen, wenn wie bei deinem Geschichtenwettbewerb nur die Zeichenanzahl vorgegeben ist. Wenn ich aber konsequent meine 60 Zeichen pro Zeile haben will, brauche ich diese hässliche Festbreitenschrift.“

„Huch, da hat sich einer ganz ernsthaft damit beschäftigt.“

„Natürlich! Deswegen bin ich ja so sauer, dass mein Manuskript nicht angenommen wurde! Was soll ich denn noch machen?“

„Das habe ich dir gesagt …“

„Hah! Ich kann mich aber nicht als Promi aufspielen oder als Enthüllungsspezialist verkaufen. Und ich möchte auch nicht noch mehr Gleichgesinnte und Testleser suchen, meine Zeit nur noch in Quatschrunden verbringen. Will auch nichts mehr an meiner Geschichte ändern. Am jämmerlichen Stil, einer grauenvollen Rechtschreibung oder fehlenden Grammatikkenntnissen kann es bei mir ebenfalls nicht liegen.“

„Willkommen im Club der unverstandenen Autoren.“

„Lache nicht! Beantworte mir lieber endlich die Frage, warum du mir eigentlich hilfst.“

„Ich glaube schon jetzt an dich“, sie beugt sich herüber, senkt die Stimme und haucht übertrieben, „und will, wenn sich der Erfolg endlich einstellt, an deiner Seite sein und davon profitieren.“

„Äh“, er lehnt sich zurück, um die vorherige Distanz wieder herzustellen, „ehrlich bist du, das muss ich dir lassen.“

„Klar“, sie wedelt ihre überraschend zur Schau gestellte Sinnlichkeit genauso flink wieder weg, „und deshalb unterstütze ich dich auch bei deiner Visitenkarte, deinem ersten und einzigen und meist nicht zu korrigierenden Eindruck bei Agent und oder Lektor.“

„Du redest vom Exposé?“

„Und von der Absage der Agentur“, sie seufzt. „Einmal ist zwar keinmal, aber ich habe in der letzten Woche lange darüber nachgedacht … und man muss damit rechnen, dass du noch einige Zeit unappetitlich für seriöse Agenturen bleiben wirst. Stell dir doch mal vor, du wärest ein Agent, der ziemliche Kosten erwirtschaften muss und seine in jahrelanger Arbeit aufgebauten Kontakte zu den Verlagslektoren sinnvoll nutzen will. Darüber hinaus seine meist 15%ige Provision erst bei erfolgreicher Vermittlung bekommt.“ Sie hebt das Manuskript hoch. „Hand aufs Herz. Würdest du dafür bundesweit mit vier-, fünfstelligen Verkaufszahlen rechnen?“

„Äh … die Handlung ist ja gebietsmäßig begrenzt und daher …“

„Eben. Du musst also die Anforderungen der Giganten mit deinem Angebot vergleichen, auch beachten, dass du kein VIP sondern Neuling bist. Soll heißen, du musst zurzeit noch kleinere Brötchen backen, dich selbst an Regionalverlage wenden, die begeistern und dazu anregen, dich kennen lernen und nachfragen zu wollen.“

„Hab ich versucht“, er zieht aus dem Stapel seiner Unterlagen das Exposé hervor, das er vor Monaten erst an die Großen der Branche und später an die  kleineren, unabhängigen Häuser geschickt hatte, „und zwar alles nur an die Verlage mit dem passenden Programm verfrachtet.“ Er reicht ihr auch die abgehakte Verlagsliste und beobachtet, wie sie beim Lesen des Exposés ihre Stirn runzelt. „Was ist?“

„Oh“, sie schüttelt den Kopf, „hier ist mancherlei zu ändern. Und fang damit an, dass du besser recherchierst. Alle für dein Thema relevanten Verlage mit ihrem Profil verzeichnest und zudem deine Lieblingsbücher heraussuchst.“

„Warum denn das?“

„Sag ich dir“, sie legt die Papiere ab und schaut auf ihre Uhr, „nächste Woche. Muss jetzt leider weg.“

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