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Fragte eine der Jugendweihe-Koordinatorinnen aufgekratzt die Runde der Jugendlichen und stellte mich liebenswürdig als Schriftstellerin und Festrednerin für die baldige Feierstunde vor.

Inzwischen stellte ich meine Bücher auf und versorgte mich mit einem Becher Wasser – doch es war viel wahrscheinlicher, dass trotz der netten Aufforderung keiner zusagen würde.

Schließlich hatten die 31° C Außentemperatur schon zum ausgiebigen Baden verführt und zudem wandten sich die Blicke der knapp 40 Teenager nun eindeutig dem Grill zu.

Prompt setzte ein anderer Betreuer noch eins drauf: “Ihr könnt auch Fußball spielen oder zum Schminkkurs gehen.”

Na klar. Gegen diese Konkurrenz hat man doch mit historischen Romanen keine Chance!

Aber, nein … 2 Bänke füllten sich mit dennoch mit anfangs recht erschöpft wirkenden Mädchen.

Nun bin ich kein ausgebildeter Lehrer – kann nur auf Erfahrungen im gelegentlichen Unterrichten von Schülern, Studenten sowie Erwachsenen zurückgreifen – jedoch mühte ich mich redlich, im sonnendurchfluteten Ferienlager in Hörweite begeisterter Fußballer die Glut für Ritter und Mönche, Soldaten und kriminelle Väter zu schüren.

Und es gelang mir irgendwann auch – bald sogar so gut, dass sich plötzlich eine Gruppe Jungs zu uns setzte, deren Wortführer mich mit Fragen zu löchern begann. Warum … weshalb … wieso …

Mein Wasserbecher war schon geleert, die Zunge klebte am Gaumen, die Betreuer kümmerten sich längst um das Abendbrot … aber der Bursche bestand noch auf dem Vorlesen der (zugegebenermaßen ekligen) Schwedentrunk-Szene .. lockte so noch mehr Zuhörer an.

Tja, und zum Ende hin – während ich mich mit den Mädels zu einem spontanen Kinobesuch verabredete – versuchte er mich dann noch von einer Fortsetzung des neuesten Romans zu überzeugen …

Da sage noch mal einer, Buchlesungen hätten bei fußballbegeisterten Teenagern keine Chance!

Ich weiß nicht mehr, wer wen geküsst hat, er mich oder ich ihn. Aber eines weiß ich genau: Es war der unglaublichste Kuss, den ich je bekommen habe. Irgendwann hörte Heribert dann auf, mich zu küssen.” (Zitat aus einer neu erschienenen, wahren Liebesgeschichte)

Grrh!

Ich würde es den unglaublichsten Kuss meines Lebens nennen, wenn sich alles im Bauch zusammengezogen und der Schambereich pulsiert hätte, Beine zittern, Finger schwitzen und kribbeln, Ohren rauschen, Brustwarzen sich verhärten und die Zungen miteinander spielen würden, die Lippen sich nicht mehr voneinander lösen wollten … oder so.

Na ja. Jedenfalls hörte ich an dieser Stelle auf, das Buch zu lesen. Legte es endgültig weg, weil der Schreibstil verhinderte, dass ich mich auf die Handlung konzentrieren und positive Gefühle beim Lesen entwickeln konnte. Doch ich war längst zur Lesung des nämlichen Buches eingeladen worden, fuhr hin – und wurde unsagbar überrascht.

Die Veranstaltung war professionell vorbereitet worden, die Autorin sympathisch, der verpflichtete Schauspieler genial, auch Moderator, Einlasskräfte, Catering und Büchertisch der örtlichen Buchhändlerin optimal aufeinander abgestimmt. Die Marketingmaßnahmen via Facebook und Regionalpresse hatten gegriffen, der Saal füllte sich mit einem bunt gemischten Publikum. Verwandte, Freunde, Bekannte, Fremde wie ich und ehemalige Lehrer der Autorin nahmen Platz und lauschten der wirklich gelungenen Präsentation.

Wäre doch nur das Buch selbst auch so annehmbar!

Aber ich krümmte mich innerlich bei den Passagen à la “Beim Eintreten brummte er ‘Mahlzeit’, wir antworteten ebenfalls mit ‘Mahlzeit’ … Alle wünschten ‘Mahlzeit’…” – im Gegensatz zu den Lehrern.

Die schienen sich nicht zu wundern, dass diese Sätze von einer studierten Journalistin und Redakteurin stammten und innerhalb von vier Wochen von einem renommierten Verlag angenommen worden waren. Auch die anderen knapp 200 Zuhörer klatschten begeistert Beifall, lachten entzückt und etliche reihten sich in die Schlange ein, um das Buch käuflich zu erwerben. Veranlassten somit die Buchhändlerin (die über meine Bücher meint, dass diese zu unverständlich für viele ihrer Kunden wären) zu einem seligen: “Sie schreibt, wie man spricht, aber es liest sich gut.”

Tja, da hätte mich wohl eine andere Muse küssen sollen … um das verstehen zu können.

Oder: wie arbeitet eigentlich ein gut organisierter Autor?

Das frage ich mich nämlich immer öfter. Ich jedenfalls schreibe (wie von mir erwartet) fleißig am Nachfolger vom „Sturm der Verdammnis“ … und befasse mich dort momentan mit dem grausamen Hochwasser von 1638 … merkte dabei aber nicht, wie in dieser Woche hier alles über mir zusammen schwappte, mein kleines privates Reich unterzugehen drohte.

Erst wurde ich am Montagnachmittag (genau in der geplanten Lücke zwischen Schreiberei und Dozententätigkeit an der VHS) durch ein Telefonat „Wir warten auf Sie!“ aufgeschreckt … denn ich hatte mich festgeschrieben und nicht mehr auf meinen Plan geschaut (zum Glück konnte ich den Physiotherapietermin für die Tochter aber noch auf den Mittwoch verlegen).

Aber an diesem Nachmittag war ohnehin der Wurm drin … denn ich beantwortete noch eine Mail locker-flockig mit: „Ich habe zwar meinen Kalender gerade nicht zur Hand, aber mit dem morgigen 15.30 Uhr-Termin müsste es klargehen.“ Hah! Hätte ich den Kalender zur Hand gehabt, hätte ich jedoch gesehen, dass just zu dieser Stunde der seit Wochen geplante Strähnchenfärbe-Frisörtermin stattfinden sollte. Dann blieb ich länger im Archiv als geplant und saß auch bei der folgenden Besprechung  so lange, dass es keinen Sinn mehr hatte, zur Chorprobe nach Uebigau zu fahren (das zweite Mal in Folge übrigens …).

Und so doppelt belegt ging es weiter. Kurz vor dem verschobenen Physiotherapietermin wurde ich netterweise an den fälligen Chorauftritt mit den Liebenwerdaern erinnert, so dass ich meinen Mann als Vertretung zur Praxis abkommandieren konnte. Jedoch gab ich weder ihm das Rezept mit noch erinnerte ich die Tochter an die extra geforderten Sportsachen … und per Handy war ich logischerweise nicht erreichbar, so dass alle dort rätseln durften, was mit meiner Tochter eigentlich zu unternehmen sei.

Und denkt ihr, ich hätte es am nächsten Tag im Griff gehabt? Mitnichten.

Tagsüber konzentrierte ich mich im Archiv, suchte Infos zu den damaligen Gewerken und Personen und dem Meuchelmörder, der „ohne alle gegebene Ursache leichtfertigerweise“ den armen … (nee, mehr verrate ich jetzt natürlich noch nicht ;-) ) – und wollte mich danach eigentlich bei der abendlichen Chorprobe mit den Liebenwerdaern entspannen … jedoch entdeckte ich im Mailfach noch eine Einladung, die mich beruflich sehr interessierte. Und dieser Vortrag sollte in genau einer Stunde stattfinden. Sagte ich also die Singerei ab und eilte ins Museum, wo ich vom versierten Referenten 90 Minuten lang mit Ortsnamen und Jahreszahlen bombardiert wurde … ohne Bilder, Fotos, visuelle Hilfestellungen. Ich bin nicht vom Stuhl gerutscht, aber knapp davor war ich – weil der Vortragende zwischendurch auch feststellte: „Archivarbeit ist ja Schwerstarbeit.“ Wie wahr.

Tja und am folgenden Morgen hatte ich beim Lehrer meines Sohnes was wieder gutzumachen … denn weder hatte ich die letzten Zettel unterschrieben noch den Elternabend registriert … noch mitbekommen, dass bald die Klassenfahrt anstand. Aber ich wollte mich wenigstens bessern, ließ mich als Streckenposten für die Fahrradfahrausbildung einteilen (was körperlich nicht so einfach war wie angenommen!), verlegte dafür meine Vermarktungs-Vormittagstermine auf den Nachmittag, verpasste dadurch einen Chorauftritt mit den Uebigauern und ließ meinen (eigentlich lange vorher geplanten) abendlichen Messe-Besuch bei einer Freundin und ihrer Lesung endgültig platzen, da ich mein Soll im Hochwasserbereich ja auch noch nicht geschafft hatte … und ohnehin geschlaucht war.

Am besten wird es wohl sein, wenn ich in 1638 endgültig abtauche … doch dann muss ich mich auch bald wieder bei euch entschuldigen … aber wenn ich es als Schablone, Textbaustein, Pingback mache … bin ich zumindest schon ein wenig besser organisiert. Nicht?

(Teil 6, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)

Es klingelt. Müller-Meier seufzt ergeben und legt den Vertragsentwurf, in dem er die letzte Stunde angespannt gelesen hatte, beiseite. Jetzt klingelt es Sturm. „Ich komme ja!“ Er eilt zur Tür und öffnet sie. „Ach, du.“

„Wir waren verabredet, MM!“, grinst Anika. „Ich hab auch was mitgebracht.“ Sie drängt sich an ihm vorbei und hält einen Beutel mit Körnerbrötchen hoch. „Eine kleine Stärkung.“

„Hab keinen Appetit.“

„Nicht?“ Anika hat schon die Küche erobert und öffnet die Hängeschränke einen nach dem anderen. „Na ja, wir wollten ja auch dich appetitlich machen für den Buchmarkt. Und du warst doch schon auf dem richtigen Weg mit den von dir besorgten Schreibratgebern.“

„Mit denen bin ich durch.“ Er setzt sich wieder an den Tisch und schiebt unauffällig die Unterlagen zusammen.

„Mit dem Schreibkurs auch?“ Jetzt hat sie das Kaffeepulver gefunden, befüllt die Maschine. Ohne zu fragen, ob er überhaupt trinken möchte.

„Natürlich.“ Er reckt das Kinn in Erwartung ihres Widerspruchs und greift demonstrativ zur Bierflasche.

„Ach, ja?“ Sie schaut misstrauisch über die Schulter, während sie sich mit der Kanne zum Wasserhahn begibt. „Das muss dann aber ein Kurzworkshop gewesen sein.“

„Für mich. Weil die nur allgemeine Aufgaben aufgegeben hatten, nicht auf meine speziellen Wünsche eingegangen sind.“

„Tja, wer eine individuelle Betreuung für sein Thema, Recherche und Struktur wünscht, muss logischerweise tiefer in die Tasche greifen.“ Sie nimmt ihm nachsichtig lächelnd die noch nicht geöffnete Flasche aus der Hand. „Kaffee oder Tee?“

„Wenn schon Tee, dann“, er gibt scheinbar nach, „Jagatee.“

Sie stutzt, bereitet aber beide Getränke vor und führt das Autoren-Gespräch nahtlos weiter. „Also solltest du dir einen Lektor aus den Datenbanken suchen oder eine Lektorin aus dem Texttreff-Netzwerk beauftragen. Apropos Netzwerk, hast du es damit versucht?“

„Aber sicher doch.“ Er sieht zu, wie sie den Kühlschrank plündert, den Tisch deckt. „Hab mich auch bei Plattformen und Gruppen angemeldet und Leute abgewehrt. Abstauber, die kostenfrei Infos abgreifen wollten und diverse Wichtigtuer, die nur an meinem Stil nörgelten und Kundenfänger, die mich ködern wollten für Ratgeber, Druckaufträge, Dienstleistungen und so was.“

„Wenigstens arbeitest du damit an deinem Bekanntheitsgrad“, lacht sie, winkt ab und setzt sich zu ihm. „Kleiner Scherz. Konzentriere dich auf deine Zielgruppe, richtige Autoren und Agenten. Wie weit ist es damit?“

„In Arbeit. Ich war bei Lesungen und fahre auch wegen des Erfahrungsaustausches zur Leipziger Buchmesse.“

„Hmm“, schmunzelt sie, „schon als Yannik honey fungus?“

„Vielleicht …“

„Aha, also hast du dein Manuskript …“, sie schaut gezielt zu den Unterlagen, die er offensichtlich nicht gut genug versteckt hatte, „… zwischenzeitlich an eine Agentur geschickt. Welche Reaktion?“

„Mein Exposé hat nicht überzeugt“, er nippt am Tee. „Der Agent sah daher keine Möglichkeit, mich an einen Publikumsverlag zu vermitteln, meinte aber, dass es auch Geschmackssache sei und ich weiter suchen solle.“

„Hast du?“ Sie mustert ihn aufmerksam.

„Ja, ich schickte alles an zwei weitere Literaturagenturen. Die erste fand die Leseprobe ansprechend, forderte noch am gleichen Tag 50 Normseiten an, um Stil und sprachliche Fähigkeiten besser einschätzen zu können.“

„So schnell? Klasse! Bei Verlagen wartet man monatelang auf eine Antwort.“

„Ja, und für die Reaktion auf meine äh … 50 Seiten musste ich auch nur eine Woche warten.“

„Warum hast du gezögert?“

„Ich wollte mich bei denen nicht als Dussel outen und nachfragen, ob die mit ihrer Normseite etwas anderes meinen als ich mir unter einer Standardseite vorstelle.“

„Die Angaben gebe ich dir beim nächsten Treffen“, legt sie kategorisch fest und tätschelt sogar seinen Arm. „Was haben die zur Geschichte gesagt?“

„Sie wäre nicht schlecht“, er verdreht die Augen, „aber ohne große Chancen für eine erfolgreiche Vermittlung an einen Traditionsverlag … deshalb boten sie mir eine Publikation in dem mit ihnen kooperierenden Serviceverlag an.“

„Du hast doch wohl nicht“, blitzschnell beugt sie sich vor und entzieht ihm den Vertragsentwurf, „unterschrieben? Das ist schließlich nur eine kreative Umschreibung für die Druckkostenzuschussverlage.“

„Reg dich ab.“ Er holt sich die Papiere zurück. „Das hier ist von der dritten Agentur, die mich sehr gern vertreten würde.“

Sie strahlt. „Du hast es geschafft!“

„Na ja“, er zieht die dritte Seite aus dem Stapel und zeigt sie ihr. „Sie tun es gegen Zahlung eines saftigen Vorschusses.“

„Oh nein!“ Sie schlägt so mit der Hand auf den Tisch, dass ihr Kaffee aus der Tasse schwappt. „MM, du bist offenbar noch nicht verlockend genug für die richtigen Leute. Lass uns daran arbeiten. Zuerst an einem begehrenswerten Exposé und den geforderten Normseiten und danach suchen wir eine seriöse Agentur, die ganz benommen von dem neu entdeckten Yannik honey fungus sein wird.“

„Sehr gern … aber“, er schaut sie über den Rand seiner Teetasse an, „warum hilfst du mir eigentlich? Was hast du denn davon?“

(Teil 5, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)

„Komm rein, Anika.“ Müller-Meier hilft der jungen Frau aus dem Mantel. „Wie war der Urlaub?“

„Vorzüglich“, lächelt sie und steuert das Wohnzimmer an. „Und wie war’s bei dir? Konntest du dich für die Buchbranche attraktiver machen, hast dich an eine Preisverleihung erinnert, über Weihnachten eine aufregende Verwandtschaft gefunden?“

„Nichts von all dem. Keine Auszeichnungen, kein Wunderkind. Auch keine Straftaten, keine schockierenden Operationen, nicht mal Seitensprünge. Ganz zu schweigen von lebensgefährlichen Situationen. Aber ich habe über ein Pseudonym nachgedacht. Wie wäre es mit Yannik honey fungus?“

„Ach herrje. Aber mit dem Manuskript warst du erfolgreicher?“

„Sicher doch.“

„Hast du auch meine anderen Tipps beachtet?“ Sie schaut ihn zweifelnd an.

„Natürlich. Ich habe mir Ratgeber besorgt und …“

„Welche?“

Aufzucht und Pflege eines Romans von Sol Stein und Wort für Wort von Elizabeth George.“

„Gute Wahl“, Anika nickt zufrieden. „Was ist mit dem Schreibkurs?“

„Äh, also eigentlich weiß ich jetzt genug. Ich habe alles wieder auf die Region abgestimmt, die schwammigen Teile ausgemerzt und mehr schmutzige Details sowie Doppeldeutiges in Bezug auf den Nebenbuhler drin. Bin zufrieden mit meiner Geschichte.“

„Kann schon sein. Aber Übung macht den Meister und der Austausch mit Gleichgesinnten ist so schlecht nicht.“

„Die Leute habe ich ja gesucht. Aber in manchen Internetforen wird mir zu sehr gegiftet.“

„Dann bringst du dich eben woanders ein.“

Er winkt ab. „Hab schon bei vielen geschnuppert. Aber dort wird oft an Stellen gelobhudelt, wo ich eigentlich meckern würde.“

„Dann tu es doch! Aber sachlich und höflich. Erstens machst du damit auch dir deinen Standpunkt klarer, arbeitest so an deinem Stil und nebenbei an deinem Bekanntheitsgrad.“

„Und zweitens?“

„Es gibt nicht nur Foren, auch Online-Schreibgruppen, Fernkurse und …“

„Kostet alles viel Geld. Und ich weiß vorher nicht, ob sie mich fördern würden.“

„… und es gibt auch“, sie wirft ihm einen strafenden Blick zu, „Schreibgruppen bei Volkshochschulen. Das wäre zwar nicht bequem vom Zuhause aus, dafür jedoch menschlich und preiswert.“

„Aber bringt es mich auch weiter?“

„Riskier es doch. Oder frag vorher ehemalige Teilnehmer.“

„Kenne keinen.“

„Dann frag Autoren, die es geschafft haben.“ Sie erstickt seinen Widerspruch mit erhobener Hand. „Sag jetzt bitte nicht, dass du dich nicht traust, sie nach den Lesungen und auf den Messen anzusprechen.“

„Die werden sich freuen. Noch ein Unbekannter, der sie löchern will.“

„Jetzt habe ich dich da, wo ich dich haben will“, grinst sie. „Denn wenn du schon keine spektakuläre Vita aufweisen kannst, musst du dich in der Branche bekannt machen, durch außergewöhnlichen Schreibstil und Kontaktfreudigkeit auffallen. Geh in Netzwerke, such dir Freundschaften bei Verlags- und Presseleuten, knüpfe förderliche Beziehungen. Vitamin B, du verstehst. “

„Aber damit habe ich noch lange nicht bewiesen, dass sich mindestens 2000 Leute für meine Liebesgeschichte interessieren.“

„Sei doch nicht so negativ. Nutze lieber dein Pseudonym, sieh deine Aktivitäten als Pilz, der sich ausbreitet und Kontakt A mit Freude infiziert. Der reicht seine Begeisterung weiter an B, der wiederum kennt C, welcher dich D empfiehlt und der…“

„Schon verstanden.“

„… und der reizt damit einen Agenten, lieber MM. Da setzen wir dann an, machen dich appetitlich.“

(Teil 4, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)

„Jetzt klappen wir mal das Handbuch für Ahnungslose zu“, lacht die junge Frau, „und kümmern uns vorrangig um deine Vita, MM.“

„Wozu brauchst du mein Geburtsdatum, die Angaben zu Eltern und Schulen?“ Müller-Meier versteift sich.

„Ich?“, prustet sie. „Nein, die Literaturagenten, Lektoren, Verleger, Vertriebsleiter, Werbeleiter, Marketingchefs wollen etwas über deinen Werdegang erfahren. Besonders dann, wenn deine Eltern Serienmörder waren, du Amok in deiner Schule gelaufen oder wenigstens der jüngste Autor aller Zeiten bist, sie dich damit gut vermarkten können.“

„Und wenn ich nun nur eine behütete Kindheit hatte? Bloß ein guter Schüler war?“

„Könnte noch klappen, wenn du der verheimlichte Sohn eines Pfarrers, das uneheliche Kind eines Diplomaten, das schwarze Schaf einer adligen Familie wärst.“ Sie spitzt die Lippen. „Aber als artiges Kind einer Lehrerin, eines Buchhalters, einer Verkäuferin, eines Schlossers usw. wird das nichts. Es sei denn …“, sie pfeift eine Melodie, „… du hast dich danach zum heimlichen Partner eines Priesters gemausert und plauderst über die Beziehung. Oder du hättest eine Stelle im diplomatischen Dienst, ignorierst Geheimhaltungsvereinbarungen und findest Verfehlungen, über die du berichten kannst. Gut würden sich auch die Geheimnisse einer Herzogin von XY machen, sofern du als ihr Geliebter sie lüften mögest.“

„Ich bin jedoch ein treuer Ehemann und ein loyaler Angestellter im hiesigen Werk!“

„Warst du zumindest auf Montage, bei einer Filiale im Ausland? Wurdest du gekidnappt, konntest du eine Gräueltat beobachten, sie nicht verhindern? Irgendetwas, womit du dein braves Image aufhübschen kannst?“

„Seit wann verwendet man Gräuel und hübsch in einem Satz?!“

„Wenn man Müller-Meier heißt, werktags in eine normale Firma rennt und abends über verschmähte Liebe schreibt, sollte man anfangen, alternativ zu denken.“

„Hä?“

„MM, machen wir uns nichts vor, du bist ein grauer Mäuserich. Brauchst Farbe, um aus dem Heer der Nagetiere hervorzustechen.“

„Soll ich mich jetzt also in ein Kriegsgebiet versetzen lassen, mit Prominenten zu turteln versuchen, eine Bank ausrauben?“

„Oder über Tabuthemen, eklige, anrüchige, schlüpfrige Sachen schreiben. Sex sells, MM!“

„Das habe ich getan! Mein Nebenbuhler wird doch …“

„Das reicht aber noch nicht für die Verkaufserwartungen eines Marketingchefs.“ Sie breitet genervt die Arme aus. „Hör zu! Zuerst nimmst du sämtliche Verschlimmbesserungen, über die wir vorige Woche gesprochen haben, wieder aus deiner Geschichte und schleifst sie so, dass sie die Agenten- und Lektorenhürde nehmen kann.“

„Wie denn?“

„Lies Ratgeber, beleg einen Kurs, sprich mit gestandenen Autoren.“ Sie weist auf das Manuskript im Regal. „Und schreib, schreib, schreib. Denn schreiben heißt umschreiben!“

„Aber …“

Sie beachtet ihn nicht. „Parallel dazu hübscht du deine Vita auf, keine Widerrede! Krame nach jeder Ehrung, die du für deine Schreiberei schon erhalten hast, lade dir über Weihnachten jede Tante ein, die dir Aufregendes bescheren könnte, mache dich attraktiver, anziehender, außergewöhnlich!“

„Dann wird das mit den Verlagen klappen?“

„Na ja“, sie lächelt verführerisch, „wenn du zudem noch beweist, dass sich für deine Geschichte nicht nur 20 Familienmitglieder interessieren werden, sondern mindestens 2000 Leute!“

„Und wie mache ich das?!“

„Das erzähle ich dir nach meinem Urlaub.“ Sie steht auf. „Bis dahin hast du jedenfalls erst mal genug Futter.“

Ich hoffe, dass ihr einen tollen 3. Advent verleben konntet – wir jedenfalls hatten in Strehla bei dem historischen Schlossspektakel (trotz Kälte und Weihnachtslieder-Endlosschleife) genug Spaß und Gesprächsstoff.

Nicht nur mit den Gauklern (die uns Wünsche für Glück und Fruchtbarkeit auf die Hintern patschten), Standbesuchern und unserer PRlerin Silke Schöche (deren Kamera bei dem Frost nicht wie meine den Geist aufgegeben hatte), sondern auch mit dem Messe-Mann von der Teigwarenfabrik (der mit uns Literatur- und Filmtipps austauschte) und mit dem Paar vom Nachbarstand, die neben ihren hübschen Keramikwaren mir auch Tipps und Tricks rund um das Händlerdasein gab …

Nicht zu vergessen der interessante Artist von den Flugträumern und die imposante Schützengilde, die mit ihrer Kanone einen ohrenbetäubenden „scharfen Schuss“ abgab, damit ein Loch in das andere Elbufer einschlug (zwar hatte ich davon mangels guter Position nur einen fliegenden Lumpen und die Pulverwolke gesehen … aber zum Glück filmte neben mir wieder jemand mit einer guten Kamera).

Man konnte also auf dem Weihnachtsmarkt nicht nur Künste und Tombola, Spiele und Schüsse, Glühwein, Bratwurst und Knoblauchbrot erleben …

(Der Knobi-Brot-Stand gegenüber war mit seinem Geruch allerdings die Härte … reizte nicht nur mich, sondern auch noch Stunden danach unseren Nero, der sich fast in unsere Kleider verbiss.)

(Teil 3, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)

„Hmm“, die junge Frau lehnt sich zurück und legt das eben gelesene Manuskript auf den Tisch. „Nicht schlecht.“

„Hmm“, Autor Müller-Meier runzelt seine Stirn. „Das klingt nicht sehr ermutigend.“

„Doch“, beteuert sie. „Die Idee, die Handlung, die Figuren sind … wirklich nicht schlecht.“

„Schluss mit Höflichkeit und Rücksichtnahme auf meine Gefühle. Raus mit der Wahrheit, ich kann sie vertragen.“

„Na ja.“ Sie windet sich erkennbar. „Man erkennt wiederum nach ein paar Seiten, wo du mit deiner Geschichte hinwillst. Was in Park und Apotheke passieren und dass es den Nebenbuhler erwischen wird.“

„Habe ich immer noch zu viele Hinweise drin? Sind die überraschenden Wendungen echt nicht überraschend genug?“

„Nicht für jeden. Aber das Vorhersehbare kann ja auch reizen. Deshalb wäre es nicht so tragisch.“ Sie atmet tief durch und greift wieder nach den Papieren. „Doch diese neue Überarbeitung ist … na ja … eine Verschlimmbesserung. Ich fand es in der vorherigen Version großartig, dass ich alle Straßen, Ecken, Gebäude wiedererkannt habe, in den von dir beschriebenen Kneipen selbst schon gefeiert, in den Grünanlagen geknutscht habe. Doch jetzt“, sie blättert in seiner mühsam mit Touristenattraktionen und Gangsterpassagen angereicherten Geschichte, „wirkt es irgendwie unausgegoren.“

„Immerhin ist es nicht mehr zu speziell regional.“

„Dafür fade und unbedacht. Leidenschaft und Grausen an beliebig austauschbaren Orten.“

„So wollen es die Verlage aber haben!“, verteidigt sich Müller-Meier mit lauter werdender Stimme.

„Glaube ich nicht.“ Sie klappt das Manuskript zu, schiebt es beiseite. „Du brauchst einen Plan B.“

Er zieht die Blätter auf seine Seite des Tisches. „Das war er.“

„Ich meine B wie förderliche Beziehungen.“

„Bist du nicht eine davon? Meine Profi-Testleserin?“

Sie lacht. „Ich hatte doch damals nur einen Kurzgeschichtenwettbewerb der Regionalzeitung gewonnen! Kann dir zwar meine unverblümte Meinung zum Geschriebenen geben und dir damit zu einer annehmbaren Erzählung verhelfen. Aber du brauchst noch stärkere Geschütze, um bei den Verlagen und den Tausenden dort unverlangt eingereichten Manuskripten wahrgenommen zu werden.“

„Die da wären?“

Sie grinst verschwörerisch und fängt an, ihn einzuweihen.

(Teil 2, entnommen aus den „Erfahrungen des Autors Müller-Meier“)

„Neue Woche, neues Glück und dazu Plan B“, muntert Müller-Meier sich auf, startet den PC und öffnet das Dokument mit seiner Geschichte. „Wenn ihr Gewalt und Herzschmerz in meiner Heimatstadt nicht wollt, verlege ich das eben in eine Metropole!“

Er deutet eine Verbeugung vor dem Stapel mit den Verlagsabsagen an. „Wäre euch eine Landeshauptstadt groß genug? Oder muss es der Regierungssitz sein? Soll ich noch unspezielle, überregionale Drogendeals mit einbauen, rasante Verfolgungsjagden, Türsteherprobleme und den globalen Mädchenhandel?“

Grummelnd dreht er sich zum Bildschirm zurück und beobachtet, wie sein unermüdlich verfeinertes Eifersuchtsdrama erscheint, das ihm mit heimlichen Stelldicheins in seinen geliebten Szenekneipen und den bekannten, traulichen Stadtparknischen, dem Apothekeneinbruch und einem fiesen Schlafmittelgemisch nicht zu begrenzt vorgekommen war.

„Ich kann meine Grabenkämpfe natürlich auch in einer von Touristen heimgesuchten Region stattfinden lassen. Bin doch kritikfähig, flexibel, kann auf Verlagswünsche mühelos eingehen. Lasse ich den Nebenbuhler eben nicht aus dem Hochhausfenster stürzen, sondern in einem Wasserfall ertrinken! Ich verzichte doch gern auf meine Ortskenntnisse, verlasse mich dafür auf fremde Stadtpläne und Werbeflyer, Internet und Co, zehre von Schulklassenbesuchserinnerungen!“

Er vertieft sich in seine Erzählung und sucht nach Möglichkeiten, seine Mittelklasse-Gegner in Arenen zu versetzen, aus dem Neubaugebiet eine Trabantenstadt zu machen, die Mafia einzubinden … es tut so weh.

„Passt nicht, wackelt nicht und hat noch zuviel Luft“, gibt Müller-Meier nach Stunden seufzend auf – und wendet sich nun dem anderen Extrem zu.

Den Bergen, Höhlen, Bächen, Schluchten, Wanderwegen und dem Wellness-Bereich für die Touristen, wo man doch auch stehlen und morden könnte …

Wird es was bringen? Bekommt er damit endlich den Fuß in eine der Verlagstüren?

… sangen wir heute zwar nicht auf dem eröffneten Uebigauer Weihnachtsmarkt … aber ich hatte sie dennoch, fieberte fast dem dort vereinbarten Treffen mit Carmen Lademann, der Gästeführerin und Vorsitzenden vom Heimatverein, entgegen – und der Übergabe des von ihr für mich genähten, kuschelig warmen Wintermantels im Mittelalter-Look.

Da kann ich jetzt beruhigt und voller Freude dem nächsten, historischen Weihnachtsmarkt am 12. und 13. Dezember in Strehla entgegensehen, wo ich den dortigen Besuchern neben unseren Romanen noch allerhand freudige Überraschungen anbieten werden kann …

… und dabei sicher nicht frieren werde … trotz des darunter zu tragenden, aufreizenden ;-) , zeitgenössisch-luftigen Kleides – erworben von Silvia Tapp bei Gargoyle´s fantasy & more.

Also, Mädels: ein Einkauf bei Carmen und Silvia lohnt sich für euch allemal – und ich garantiere, dass es dabei nicht nur freudig, sondern regelrecht spaßig zugehen wird.

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