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Fragte eine der Jugendweihe-Koordinatorinnen aufgekratzt die Runde der Jugendlichen und stellte mich liebenswürdig als Schriftstellerin und Festrednerin für die baldige Feierstunde vor.
Inzwischen stellte ich meine Bücher auf und versorgte mich mit einem Becher Wasser – doch es war viel wahrscheinlicher, dass trotz der netten Aufforderung keiner zusagen würde.
Schließlich hatten die 31° C Außentemperatur schon zum ausgiebigen Baden verführt und zudem wandten sich die Blicke der knapp 40 Teenager nun eindeutig dem Grill zu.
Prompt setzte ein anderer Betreuer noch eins drauf: “Ihr könnt auch Fußball spielen oder zum Schminkkurs gehen.”
Na klar. Gegen diese Konkurrenz hat man doch mit historischen Romanen keine Chance!
Aber, nein … 2 Bänke füllten sich mit dennoch mit anfangs recht erschöpft wirkenden Mädchen.
Nun bin ich kein ausgebildeter Lehrer – kann nur auf Erfahrungen im gelegentlichen Unterrichten von Schülern, Studenten sowie Erwachsenen zurückgreifen – jedoch mühte ich mich redlich, im sonnendurchfluteten Ferienlager in Hörweite begeisterter Fußballer die Glut für Ritter und Mönche, Soldaten und kriminelle Väter zu schüren.
Und es gelang mir irgendwann auch – bald sogar so gut, dass sich plötzlich eine Gruppe Jungs zu uns setzte, deren Wortführer mich mit Fragen zu löchern begann. Warum … weshalb … wieso …
Mein Wasserbecher war schon geleert, die Zunge klebte am Gaumen, die Betreuer kümmerten sich längst um das Abendbrot … aber der Bursche bestand noch auf dem Vorlesen der (zugegebenermaßen ekligen) Schwedentrunk-Szene .. lockte so noch mehr Zuhörer an.
Tja, und zum Ende hin – während ich mich mit den Mädels zu einem spontanen Kinobesuch verabredete – versuchte er mich dann noch von einer Fortsetzung des neuesten Romans zu überzeugen …
Da sage noch mal einer, Buchlesungen hätten bei fußballbegeisterten Teenagern keine Chance!
Ich weiß nicht mehr, wer wen geküsst hat, er mich oder ich ihn. Aber eines weiß ich genau: Es war der unglaublichste Kuss, den ich je bekommen habe. Irgendwann hörte Heribert dann auf, mich zu küssen.” (Zitat aus einer neu erschienenen, wahren Liebesgeschichte)
Grrh!
Ich würde es den unglaublichsten Kuss meines Lebens nennen, wenn sich alles im Bauch zusammengezogen und der Schambereich pulsiert hätte, Beine zittern, Finger schwitzen und kribbeln, Ohren rauschen, Brustwarzen sich verhärten und die Zungen miteinander spielen würden, die Lippen sich nicht mehr voneinander lösen wollten … oder so.
Na ja. Jedenfalls hörte ich an dieser Stelle auf, das Buch zu lesen. Legte es endgültig weg, weil der Schreibstil verhinderte, dass ich mich auf die Handlung konzentrieren und positive Gefühle beim Lesen entwickeln konnte. Doch ich war längst zur Lesung des nämlichen Buches eingeladen worden, fuhr hin – und wurde unsagbar überrascht.
Die Veranstaltung war professionell vorbereitet worden, die Autorin sympathisch, der verpflichtete Schauspieler genial, auch Moderator, Einlasskräfte, Catering und Büchertisch der örtlichen Buchhändlerin optimal aufeinander abgestimmt. Die Marketingmaßnahmen via Facebook und Regionalpresse hatten gegriffen, der Saal füllte sich mit einem bunt gemischten Publikum. Verwandte, Freunde, Bekannte, Fremde wie ich und ehemalige Lehrer der Autorin nahmen Platz und lauschten der wirklich gelungenen Präsentation.
Wäre doch nur das Buch selbst auch so annehmbar!
Aber ich krümmte mich innerlich bei den Passagen à la “Beim Eintreten brummte er ‘Mahlzeit’, wir antworteten ebenfalls mit ‘Mahlzeit’ … Alle wünschten ‘Mahlzeit’…” – im Gegensatz zu den Lehrern.
Die schienen sich nicht zu wundern, dass diese Sätze von einer studierten Journalistin und Redakteurin stammten und innerhalb von vier Wochen von einem renommierten Verlag angenommen worden waren. Auch die anderen knapp 200 Zuhörer klatschten begeistert Beifall, lachten entzückt und etliche reihten sich in die Schlange ein, um das Buch käuflich zu erwerben. Veranlassten somit die Buchhändlerin (die über meine Bücher meint, dass diese zu unverständlich für viele ihrer Kunden wären) zu einem seligen: “Sie schreibt, wie man spricht, aber es liest sich gut.”
Tja, da hätte mich wohl eine andere Muse küssen sollen … um das verstehen zu können.
Normalerweise – da ich ja dringend eine Struktur brauche
– ist der Samstag dem Bloggen über meine Zeitreisen und Lesungen vorbehalten. Doch es gibt keine Regel, die man nicht brechen könnte … und so will ich heute auf das Lesen im Abidiblog hinweisen.
Das ist nämlich einfach köstlich.
Und drauf gekommen bin ich, weil im weltbesten Netzwerk Texttreff zurzeit ein Blogwichteln veranstaltet wird, ich den Abidiblog zugelost bekam und darüber richtig froh bin.
Weil man sich dort festlesen kann.
Und wie dankbar die Aufgabe, wenn man das nur als Autor(in) in heutiger Zeit auf dem Papier zu organisieren braucht, um damit Heerscharen von Neugierigen anzulocken … in die Welt von Marktvogt, Wollwagen und Fleischbänken.
Denn ein Bekannter von mir, der Organisator eines solchen Festes, hat es da ungleich schwerer. Er telefoniert, faxt und mailt seit Monaten eifrig, um noch mehr bezaubernd gewandete Krämersleut aus Töpferey, Schusterey und Lederey zu finden, die ihre Waren
auf dem historischen Handwerkermarkt am 23. und 24. Juli 2011 in Elsterwerda
feilbieten und vielleicht sogar mit Fernhändlern wetteifern, die alles für den tapferen Rittersmann liefern können.
Oder den geneigten Käufer Gefilztes und Gewalktes, Loden und Felle vom Kürschner, Geschirre, Geschmeide und derbere Schmiedekunst erwerben lassen.
Inmitten von Spinnerinnen, Papierschöpferinnen, Seifensiederinnen, Bordürenweberinnen, Kerzenziehern, Besenbindern, Korbflechtern, Scherenschleifern, Gürtlern und Müllermännern … sogar Glasbläser könnten sich einfinden, wie die Schriftgelehrten die Kalligraphie auch ihre Kunst vorführen.
Und am tollsten wäre es dann mit dem zugehörigen Duft nach geräuchertem Fisch, gegrillten Würsten und Spanferkel, Brot und anderem Backwerk … beim Genuss von Starkbier, Würzwein, Met und anderen Trünken.
Macht es bitte möglich – erst durch Verbreiten dieses Aufrufs, dann durch Besuch des Festes.
Damit alle von recht vielen Künsten und Fertigkeiten fasziniert werden, meldet Euch bald, fragt bei mir nach den Kontaktdaten und unterstützt den Organisator auch mit Zusagen für künftige Märkte.
Ich freu mich ja immer, wenn ich Geld verdienen kann – besonders jetzt, wo ich auf dem Weg dahin (und mit mir besonders die 3 Millionen anderer Besitzer alter Autos) an den Tankstellen mit wohlklingenden Plus- und Premium-Bezeichnungen noch dreister abgezockt werde – sollte ich da vielleicht endlich mal mitmachen? Mich dieser Haltung anschließen, mich ebenso „gesittet“ benehmen?
Ooch, nee, ich bleib mir treu und biete weiterhin bezahlbare und befriedigende Leistungen, ohne falsches Etikett an. Und freu mich deshalb natürlich sehr über Anfragen und Zusagen.
Beispielsweise sollte ich neulich auf einem von Tausenden Besuchern frequentierten Event mich und meine für die Region bedeutende Arbeit vorstellen, denn „wir wollen nun auch regionale Kultur anbieten“.
Aha.
Die angekündigte Kulturinsel für mich als Schriftstellerin und die anderen Künstler entpuppte sich aber leider als einige aufgestellte Tische an der Turnhallenwand, genau vor einem „fotogenen“ Fußballtor – und nur zu finden für jene, die auf der Suche nach einer Toilette die Turnhalle betreten hatten und am Kuchenbüfett sowie den vergnüglich speisenden Gästen vorbei bis zum Ende der Turnhalle geschlendert wären.
Dass ich meine Deko fassungslos eingepackt habe und verschwunden bin, wurde dann doch bemerkt und mit Verwunderung aufgenommen – sogar von der am Nachbartisch wunderbare Ostereier herstellenden und dennoch kaum beachteten Frau, die still weiter litt … in der Hoffnung auf eine von den Veranstaltern erwähnte Aufwandsentschädigung.
Und denkt Ihr, das wäre nur in Bezug auf Schriftsteller und ihre viel zitierte “brotlose Kunst“ so?
Nein, auch als Gästeführer – bekannt, beliebt und bis zu einem gewissen Grade
begehrt – soll man Touristen schöne Anekdoten erzählen und in glückselige Stimmung versetzen, dabei möglichst auch zur Freude der Besucher einen tonnenschweren Kahn mit einem über 4 Meter langen Rudel staken und die ungeduldigen Nachrücker an der Anlegestelle beruhigen …
Tolle Idee – und umzusetzen wäre es hier für ortsübliche 12,00 € die Stunde.
Mehr kann der Veranstalter für die Durchführenden nicht zahlen, will er nicht die Besucherpreise in die Höhe schrauben und dennoch die Kosten für Organisation, Arbeitsmaterial und Werbung aufbringen …
Tja, ich als Letzter in der Kette sehe das natürlich anders – denn entweder überzeuge ich mit spezifischem Wissen und Können oder mache bei solcher Art Honorar und Turnhallen-Arbeitsatmosphäre enorme Abstriche an meiner Qualität, an Auftreten, Weiterbildung und Leistungsumfang.
Deshalb frage ich – die sich lieber treu bleiben würde – ab sofort bei Anfragen nach:
Wie viel Kultur hätten Sie denn gern?
„… Sie wären der größte Verlag hier“, sagte eine mir fremde – aber logischerweise sofort äußerst sympathische – Frau bei der letzten Geschichtsbörse zu mir.
Natürlich waren wir nicht der größte Verlag im Raum, sicherlich auch nicht besonders wichtig
unter den vertretenen Brandenburgern … aber mit dem Tisch und der Präsentation unseres Angebotes hatten wir uns schon große Mühe gegeben. Wir wollten ja schließlich nicht nur verkaufen, sondern auch Kooperationen eingehen.
Und wenn man dann so forsch-freundlich angesprochen wurde … schien es ja zu funktionieren.
Die eingangs erwähnte Verlegerin, sozusagen Kollegin und Vertreterin der Potsdamer Szene stimmte einer Zusammenarbeit (mit Verlinkung) sofort begeistert zu – wie auch ein anderer Mitstreiter, ein Autor (wie ich Liebhaber von unblutigeren Krimis mit dafür psychologischen Blickwinkeln) und Selbstverleger. Schließlich sollte man beim Aufbau eines Netzwerkes Verbündete suchen, wo die Chemie stimmt und deren Produkte man ohne Bauchgrimmen empfehlen könnte
.
Und es ging so toll weiter, als ich mich in der Halle umschaute, den (in meinen Augen wirklich) wichtigen Verlag besuchte, mich jedoch für sämtliche präsentierten Programme interessierte … deshalb auch das Heft von einem kleinen Nachbartisch mitnahm, dabei den dort sitzenden, stillen Mann anlächelte …
… und unversehens von Gesprächen abgelenkt wurde, rasch Interessierte fand und weitere Kontakte knüpfte, anpries und verkaufte, in regen Dialog kam, auch Freunde und Leser traf … und sogar etwas Neues lernte, als eine Frau sich am Ende des Tages für unseren neuesten Roman interessierte … aber kein Geld dabei hatte.
Das war jedoch kein Problem, denn sie gehörte, wie sich herausstellte, zu dem sehr umtriebigen Verleger, mit dem ich mich schon angefreundet hatte und der mir jetzt begeistert zurief:
„Schriftsteller kaufen nicht von Schriftstellern!“
Ich zögerte, guckte offenbar verdattert und bekam die Erklärung hinterher geschoben.
„Schriftsteller tauschen!“
Na gut, tauschten wir auf die Schnelle kleine gegen größere Bücher … und damit weitere Erfahrungen
… obgleich auf die Verlinkung, den Austausch im Web, die gegenseitige Unterstützung und Empfehlung bei kommenden Messen und Märkten freute ich mich schon sehr.
Doch leider hatten die beiden an der Zusammenarbeit so interessierten Kollegen jeweils nur einen Webauftritt mit uralten Neuerscheinungen, keine Terminliste, keine Verlagsvorschau, keine Pressemitteilungen … und auch keine einzige Seite für Links und Partner. Wohingegen der Verlag vom kleinen Nachbartisch mit dem stillen Vertreter sich beim Surfen im Web als ein Juwel entpuppte, mit einem Programm, das mir wirklich gefiel.
Na, da sollte wohl das nächste Mal ich die Initiative ergreifen – und seinen Tisch lautstark loben
.
lachte der Vorsitzende vom Gästeführerring Südbrandenburg / Nordsachsen e.V., zugleich Moderator beim 2. Brandenburgtag der Gästeführer in Mühlberg – und zack, brach er seinen Vortrag ab.
Das überraschte mich.
Schließlich hatte er ihn akribisch vorbereitet – aber so bewies er auch, dass er flexibel sein konnte. Und erfinderisch – er überbrückte für die Gäste aus Werder, Cottbus, Muskau, dem Spreewald und Welzow mühelos die Verspätung durch den Potsdamer Bus, erklärte elegant das Fehlen des eigentlich geplanten Redners und die erste
Änderung im Programmablauf.
Aber das fiel gar nicht groß auf durch die gute Vorbereitung der Mühlberger Gästeführer und ihrer Helferinnen beim Schaffen einer Wohlfühlatmosphäre. Mit ihrem angenehm dekorierten Rathaussaal, einer nett begrüßenden Bürgermeisterin, einem perfekt arrangierten Büfett, dem Reichen von Brot nach altem, heimischem Rezept und musikalischer Untermalung, der Verlesung von mehreren Grußbotschaften.
Und während es draußen zu schneien begann, genossen wir drinnen Kaffee und Saft, hörten unserem Vorsitzenden beim Schildern des Spießrutenlaufes zu und erfuhren danach beim gegenseitigen Vorstellen, dass der Potsdamer Verein von 11 Gründungsmitgliedern auf 90 Mitglieder angewachsen ist, dass die Werdaer mehr als Inselführungen anbieten, bemerkten auch erstaunt das gelöste Nachwuchsproblem bei den Welzowern und erfreuten uns an der schönen Wilhelmine aus Potsdam, die trotz ihres Geburtstages angereist war und uns mit „Liebesfreud und Liebesleid“ beglückte.
„Es gab mal in Mühlberg 36 Gaststätten …“
Dieser Seufzer läutete die nächste Änderung ein, das Splitten des Stadtrundganges für die Wege zwischen Rathaus und „Hamburger Hof“, wo das Mittagessen eingenommen werden sollte. Auch diese Abwandlung wurde freudig aufgenommen – schließlich lassen sich Gästeführer keine Gelegenheit entgehen, als Gäste durch eine attraktive Stadt geführt zu werden. In diesem Fall von Rosi Bauer und Walter Beyer, welche die Strecke durch nieselnde Schneeflocken und beißenden Wind hindurch mit Anekdoten ausschmückten.
„… und jetzt kann man die Fische aus der Elbe auch wieder essen.“
Ich schloss mich Rosi an und vernahm, wo sie sich als Gästeführerin immer austoben konnte, was es mit dem Verein für die Wasserpumpe auf sich hatte, wie das Baggerschiff zum gefürchteten Geschoss werden sollte, „was sich die hohen Herren für ein Ding geleistet hatten“ und wer damals die Brühe aus der hohlen Hand schlürfen musste.
„Ich war glücklich, dass meine Brille beschlug.“
Das meinte nach dem Gang eine Potsdamerin zu mir beim Betreten der Gaststätte und Abschütteln der Nässe – und ich stimmte ihr zu. Die Wärme war wohlig, das Essen ausgezeichnet, die Gespräche untereinander fabelhaft. (Tja, Pech für diejenigen, die verhindert waren.)
So konnte wir gestärkt, aufgewärmt und ausgeruht die restlichen Sehenswürdigkeiten bewältigen, uns unverzüglich dann – sofern gewünscht und benötigt – wieder auf Kaffee und köstlichen Kuchen stürzen, dies bei musikalischer Begleitung genießen und uns endgültig gestärkt auf die angebotenen Workshops verteilen, alles über Wert und Form von Führungen sowie die bestmögliche Öffentlichkeitsarbeit erfahren.
„Gewöhn dich dran, reden musste!“
Das bekam eine der 10 jungen, angehenden Gästeführer gleich zu hören, als sie beim Workshop für Öffentlichkeitsarbeit druckste – aber die alten Hasen halfen auch sofort aus der Klemme, mit Tipps, Tricks und Erfahrungen, wann Flyer sinnvoll und Pressemitteilungen zu öde sind, wie man Themen findet und Redakteure begeistern kann.
Und das schafften wir im Schnelldurchlauf – schließlich hatten wir einen Plan
und Busabfahrten, Zugpläne zu berücksichtigen.
So gab es noch rasch die Ergebnisse mit Hinweisen zur Kalkulation und Vorbereitung von den anderen Workshops perfekt komprimiert. (Kennt das jemand von anderen Versammlungen?) Und alle verließen pünktlich, aufgeklärt und zufrieden die Tagungsstätte.
Ja, es war ein unterhaltsamer und ergiebiger Tag – trotz (oder wegen?
) der mehrfachen Planänderungen.
Ooch, die Unkenrufe waren schon arg demotivierend, so kurz vor meiner brandaktuellen Erlebnisführung – schließlich sollte es mit 37°C der heißeste Tag des Jahres werden, und – ja, klar – wer sollte sich da schon freiwillig außerhalb der Reichweite von Ventilatoren bewegen? Schließlich blubberte fast der Straßenbelag, trocknete das Moos aus, flirrte die Luft, glühten die Geländer …
Und selbst für die Hartgesottenen und Kulturhungrigen gab es genug Auswahl: zeitgleich stattfindende Ausstellungen in Museen und Galerien, Führungen und Aufführungen, Verlockungen in Biergärten und Eispalästen … dazu noch das hiesige, jährliche Mega-Ereignis, das Rothsteiner Felsenfest in unmittelbarer Nähe. Mit Felsenmarkt und Vergnügungspark, internationalem Starfestival der Volksmusik, anschließender Disco und Cheerleader-Show … tja, hätte ich bei der Planung mal eher dran denken können
.
Und um das Maß voll zu machen, klappte es diesmal nicht so richtig mit den Veröffentlichungen in den Zeitungen … (an Presseverteiler und Anzeigenfrist muss ich definitiv noch arbeiten
).
Aber ich hatte immerhin Einladungen verschickt und ausgeteilt, Ankündigungen von netten Helfern auslegen und aufhängen lassen … erstaunlich viele Rückmeldungen erhalten und darunter logischerweise die erwarteten, jedoch sehr liebenswert formulierten Absagen.
Gleichwohl auch einige Zusagen.
Also packte ich – mit sorgenvollen Blicken zur hämisch kletternden Thermometersäule und zum anhaltend wolkenlosen Himmel – meine Überraschungen ein und streifte mir wie versprochen das mittelalterliche Kleid über, natürlich ein bodenlanges mit Schnürung und Trompetenärmeln
, fuhr zum Treffpunkt und ließ mich überraschen.
(Schließlich musste auch die Radtour des Chores durch die hitzebedingten, zurückgezogenen Zusagen ganz kurzfristig abgesagt werden
).
Doch sie kamen pünktlich. Alle.
Sogar mehr Gäste als erwartet, Ältere und Jüngere, aus dem Liebenwerdaer Stadtgebiet, den umliegenden Ortsteilen und selbst aus Falkenberg …
Da machte es so richtig Freude, die Zeitreise zu unternehmen, Sehenswürdigkeiten und „heimliche Dinge“ zu zeigen, von der „Zwietracht“ zu berichten, die mittelalterlichen Gaben anzubieten … und so zum Zuge zu kommen
.
„Danke.“
… zu arbeiten“, stöhnte ich heute (am Sonntag!) beim Zusammenpacken meiner Utensilien.
Es war auch garantiert für die anderen Leute zu drückend, um Schlösser zu besuchen und historischen Abhandlungen zu lauschen. Nein, heute war ein Tag zum Schwimmen, Tauchen, Plantschen, Sonnenbaden … Warum sollte ich also – während mir der Schweiß von der Stirn über die Brauen in die Augen tropfte – Bücher und Bilder, Dokumente und Präsente einpacken?
Aber ich tat es aus Pflichtgefühl – hatte mich ja immerhin in Mühlberg (bei den mit mir kooperierenden Gästeführerinnen) wieder angekündigt.
So schleppte ich also sperrige Körbe und schwere Taschen zum aufgeheizten Auto, jagte das arme Ding über noch erhitztere, vereinsamte Straßen zum Schloss und rechnete ernsthaft mit null Besuchern … doch ein älterer Herr wartete schon. Er erhob sich bei meinem Anblick, begrüßte mich freudestrahlend mit „Frau Günther? Wir hatten uns doch das letzte Mal unterhalten … und heute möchte ich Ihr Buch kaufen.“ (Er verunsicherte mich übrigens damit, da ich mich nicht erinnern konnte
).
Und es wurde noch angenehmer mit ihm … denn er hatte sogar eine Unterlage mit, auf die ich mich während unseres Gespräches setzen konnte – und mich dann auch noch über den Auftrag zur Entzifferung und Übersetzung alter Belege … und dazu über sein Engagement für einen eventuellen Forschungsauftrag freuen konnte.
Doch das Tollste an der ganzen Sache war sein Einsatz – er kam für dieses Treffen aus dem 56 km entfernten Coswig … über Meißen und Riesa … mit Umsteigenotwendigkeiten und am Sonntag stark reduzierten, öffentlichen Verkehrsmitteln … war dafür stundenlang in der glühenden Hitze unterwegs …
Wenn nun ich wegen der Hitze nicht gefahren wäre!
… hatte Evelin Heimann vom Romanverlag mit ihren 100 Lesungen an 100 Orten gehabt, zu absolvieren an 100 Tagen.
Logisch, dass eine solch hervorstechende Eingebung gewürdigt werden müsste.
Nicht nur von den unermüdlichen Bibliothekarinnen, eindrucksvoll auf dem Markt kämpfenden BuchhändlerInnen und anderen fleißigen Veranstaltern, welche der bewundernswert amüsant und effektvoll vortragenden Frau Heimann die Bühne boten. Für die Vorstellung einer hervorragend geschriebenen, detailreichen, witzigen und sprachlich ausgefeilten Krimikomödie … der Bereitstellung von Getränken und eines geschmackvollen Büfetts in heimeliger Atmosphäre zur Abschlussveranstaltung im eigenen Ort hätte es dann gar nicht mehr bedurft.
Dachte ich, denn schließlich hatte sie auch das Interesse des Bürgermeisters geweckt, eine wirksame Werbemaschinerie in Gang gesetzt – und die Qualität von Autorin und Werk sprach eh’ für sich.
Doch dann … saßen zwar bei der Veranstaltung relativ viele Besucher, aber es waren hauptsächlich die „üblichen Verdächtigen“. Ich vermisste dagegen sich drängelnde Medienvertreter, vor allem die regionalen Fernsehmacher (im Nachbarkreis war eine Sendung möglich gewesen
), die geballte Stadtverwaltung, potentielle Sponsoren
und auch die Lehrer, die die Kinder immer zum Lesen mahnen.
Warum kamen die nicht, opferten ihre Freizeit für einen Kunstgenuss? Was hätte Frau Heimann besser machen können, um sie zu ködern?
Vielleicht hätte sie mit ihren Werken eher einem Trend folgen sollen? Sich als Trittbrettfahrerin beispielsweise auf den Siegeszug der Vampire aufzuschwingen? So wie die als jung angepriesene, in einem sehr großen Publikumsverlag verlegte und in mehreren Ländern vertretene Autorin, die zwar über Begebenheiten im London des 19. Jahrhunderts schrieb, ihren Roman aber nur mit „raffte sie die Röcke“, „setzte sich in die Kutsche“, „puderte sich die Nase“ geschichtlich anreicherte? Dazu aber Unmengen teils englischer Zitate einflocht, auch „doof“ mit „indigniert“ kombinierte, den Großvater mit dem Vater trotz Lektorat verwechselte und manche Handlungen komplett unterschlug? (Dazu erinnerte mich, der zum Fan vom blutsaugenden Edward mutierten, schon ziemlich alten Frau in dem „Werk“ auch viel zu viel an die gelungene Leistung von Stephenie Meyer, die wenigstens aus einem düsteren Mysterium eine höchst begehrenswerte Sache schaffen und die Spannung über Hunderte Seiten hinweg halten konnte …)
Hmm … vielleicht hätte aber Frau Heimann auch den Weg der Provokation gehen sollen? Nicht gerade über feuchte Gebiete und das Ekelzeugs in einfacher Sprache zu schreiben … aber sich vielleicht bei anderen Leuten zu bedienen, über die Quellen zu schweigen und die so gefundenen Entsetzlichkeiten als die ihrigen zu verkaufen – und beim Erwischen das von ihrem großen Publikumsverlag als Vorwand nehmen zu lassen, eine neue Auflage mit dem Quellenverzeichnis auf den Markt zu werfen … und damit in die Vorauswahl für eine respektable Ehrung zu kommen …
Anstatt wie unsereins geschäftsuntüchtig akribisch zu recherchieren, mit Herzblut zu schreiben, mit gnadenloser Verbissenheit für höheren Lesegenuss alles wieder zig Mal umzuschreiben?
Sich dann um die wenigen Lesungstermine mit unzähligen Konkurrenten und einem noch geringeren Budget für die Honorare zu ringen, bei Erfolg danach genauestens auf eine Veranstaltung vorzubereiten, Einladungen zu verschicken, die Presse zu mobilisieren zu versuchen, Bücher zu schleppen, auf Verkäufe und breite Resonanz zu hoffen … dafür sogar ein Büffet mit belegten Broten, Unmengen Früchten, Schnitzel, Lende und Leber auffahren zu lassen?
Während die bescheiden formulierenden, vorwiegend niedere Instinkte befriedigenden Autorinnen Bestseller landen, übersetzt werden, Geburtstagsfeiern unter höchster Mediendichte im angesagtesten Club organisiert bekommen?
Was für ein Wahnsinn … und das im Land der Dichter und Denker.

















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