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Vor ca. einem halben Jahr bekam ich eine überraschende Kontaktanfrage von einem algerischen Schriftsteller und Journalisten über seine französische Adresse.

Nicht, dass ich ausschließlich an einen Irrtum glaubte … aber ich wunderte mich zu dieser Zeit schon über eine Fremde aus Nashville, TN U.S.A., die mich wegen einer Wohnung im kleinen Uebigau in die Spur schickte.

Na, aber da ich schon immer meine Sprachkenntnisse auffrischen wollte, antwortete ich also auch diesem netten Mann und bekam einen Tag später seinen auf deutsch formulierten Fragebogen.

Da allerdings dort unter anderem meine Meinung zu den arabischen Revolutionen gefragt war, überwog wieder meine Skepsis …

Doch Rachid Filali, der Journalist, blieb hartnäckig und fragte nach drei Tagen ausgesucht energisch-höflich nach.

Also legte ich alles weg, woran ich gerade arbeitete, nahm mir den Fragebogen vor und beantwortete, warum ich mich mit der Geschichte beschäftige. Ob ich nur von und über Mächtige schreibe oder auch über Schwache und „marginale“, was ich jetzt lese und welches Buch die größten Auswirkungen auf mich hatte.

Er bedankte sich wieder ausgesprochen galant (hmm, das könnte man wirklich auch in diesem Land zur Pflicht machen ;-) ) – und schickte mir gestern das im Journal of Saudi-Arabien “Arabiyat International” (auf arabisch ;-) ) veröffentlichte Interview.

Ach wie gut, dass es Übersetzungsprogramme gibt. So konnte ich mich (erneut) an meinen Sätzen erfreuen … und nicht länger darüber grübeln, wie sie außerhalb des Landes auf mich gekommen sind.

Offenbar sind meine Gedanken doch von internationalem Interesse :-) .

Oder: wie arbeitet eigentlich ein gut organisierter Autor?

Das frage ich mich nämlich immer öfter. Ich jedenfalls schreibe (wie von mir erwartet) fleißig am Nachfolger vom „Sturm der Verdammnis“ … und befasse mich dort momentan mit dem grausamen Hochwasser von 1638 … merkte dabei aber nicht, wie in dieser Woche hier alles über mir zusammen schwappte, mein kleines privates Reich unterzugehen drohte.

Erst wurde ich am Montagnachmittag (genau in der geplanten Lücke zwischen Schreiberei und Dozententätigkeit an der VHS) durch ein Telefonat „Wir warten auf Sie!“ aufgeschreckt … denn ich hatte mich festgeschrieben und nicht mehr auf meinen Plan geschaut (zum Glück konnte ich den Physiotherapietermin für die Tochter aber noch auf den Mittwoch verlegen).

Aber an diesem Nachmittag war ohnehin der Wurm drin … denn ich beantwortete noch eine Mail locker-flockig mit: „Ich habe zwar meinen Kalender gerade nicht zur Hand, aber mit dem morgigen 15.30 Uhr-Termin müsste es klargehen.“ Hah! Hätte ich den Kalender zur Hand gehabt, hätte ich jedoch gesehen, dass just zu dieser Stunde der seit Wochen geplante Strähnchenfärbe-Frisörtermin stattfinden sollte. Dann blieb ich länger im Archiv als geplant und saß auch bei der folgenden Besprechung  so lange, dass es keinen Sinn mehr hatte, zur Chorprobe nach Uebigau zu fahren (das zweite Mal in Folge übrigens …).

Und so doppelt belegt ging es weiter. Kurz vor dem verschobenen Physiotherapietermin wurde ich netterweise an den fälligen Chorauftritt mit den Liebenwerdaern erinnert, so dass ich meinen Mann als Vertretung zur Praxis abkommandieren konnte. Jedoch gab ich weder ihm das Rezept mit noch erinnerte ich die Tochter an die extra geforderten Sportsachen … und per Handy war ich logischerweise nicht erreichbar, so dass alle dort rätseln durften, was mit meiner Tochter eigentlich zu unternehmen sei.

Und denkt ihr, ich hätte es am nächsten Tag im Griff gehabt? Mitnichten.

Tagsüber konzentrierte ich mich im Archiv, suchte Infos zu den damaligen Gewerken und Personen und dem Meuchelmörder, der „ohne alle gegebene Ursache leichtfertigerweise“ den armen … (nee, mehr verrate ich jetzt natürlich noch nicht ;-) ) – und wollte mich danach eigentlich bei der abendlichen Chorprobe mit den Liebenwerdaern entspannen … jedoch entdeckte ich im Mailfach noch eine Einladung, die mich beruflich sehr interessierte. Und dieser Vortrag sollte in genau einer Stunde stattfinden. Sagte ich also die Singerei ab und eilte ins Museum, wo ich vom versierten Referenten 90 Minuten lang mit Ortsnamen und Jahreszahlen bombardiert wurde … ohne Bilder, Fotos, visuelle Hilfestellungen. Ich bin nicht vom Stuhl gerutscht, aber knapp davor war ich – weil der Vortragende zwischendurch auch feststellte: „Archivarbeit ist ja Schwerstarbeit.“ Wie wahr.

Tja und am folgenden Morgen hatte ich beim Lehrer meines Sohnes was wieder gutzumachen … denn weder hatte ich die letzten Zettel unterschrieben noch den Elternabend registriert … noch mitbekommen, dass bald die Klassenfahrt anstand. Aber ich wollte mich wenigstens bessern, ließ mich als Streckenposten für die Fahrradfahrausbildung einteilen (was körperlich nicht so einfach war wie angenommen!), verlegte dafür meine Vermarktungs-Vormittagstermine auf den Nachmittag, verpasste dadurch einen Chorauftritt mit den Uebigauern und ließ meinen (eigentlich lange vorher geplanten) abendlichen Messe-Besuch bei einer Freundin und ihrer Lesung endgültig platzen, da ich mein Soll im Hochwasserbereich ja auch noch nicht geschafft hatte … und ohnehin geschlaucht war.

Am besten wird es wohl sein, wenn ich in 1638 endgültig abtauche … doch dann muss ich mich auch bald wieder bei euch entschuldigen … aber wenn ich es als Schablone, Textbaustein, Pingback mache … bin ich zumindest schon ein wenig besser organisiert. Nicht?

Na gut, vielleicht der eine oder andere Autor, aber ich nicht.

Deshalb hat mich das heutige Gespräch mit einer Leserin auch verwundert, fast schon verunsichert.

Sie rief zum ersten Mal hier an und bezog sich auf meine Lesung vor knapp 13 Monaten in Hoyerswerda, als ich den Krimi vorgestellt hatte. Hauptsächlich wollte sie mir zwar erzählen, dass der in meiner Romanhandlung auch vorkommende, damalige spektakuläre Kriminalfall wieder im Fernsehen besprochen werden würde, doch dann schwatzten wir angeregt über Hoywoy, kramten Erinnerungen hervor an Kriminelles, Gemütliches und Drolliges.

Aber dann kam sie – die Frage, die ich am Telefon, nach 13 Monaten nicht erwartet hatte.

„Sie schreiben in Ihrem Buch von einem Mann mit Gehfehler? Da gibt es einen in der Nähe, aber den meinen Sie nicht?“ Um Himmels willen! Natürlich meine ich den nicht (denken das etwa viele Leute?!).

Und schon steckt man als Autor in der Klemme. Einerseits muss man so detailreich und authentisch wie möglich rüberkommen – wozu auch gehört, Erwähnenswertes, Interessantes, Berührendes, Verstörendes zu beobachten, festzuhalten, dem Leser irgendwann nahe zu bringen – doch andererseits sollte man nie, nicht, nimmer einen echten Menschen in voller Pracht darstellen und damit womöglich verprellen.

Mein Pech, dass ich nicht wusste, dass in der Nähe meines Handlungsortes nun einer lebt und arbeitet, der meinem Kaspar aus dem Roman ähnelt.

Und mein Glück, dass die in unseren anderen Romanen vorkommenden Plünderungen, Schändungen, Folterungen, Intrigen und Treuebrüche historisch zwar belegt sind, niemand jedoch die gemeinen Kerle und schlüpfrigen Frauenzimmer, viele pikante Sachen mit seinen eigenen Nachbarn in Verbindung bringen müsste.

Dachte ich zumindest … bis mir vor kurzem jemand erzählte, dass die Leute (erfreulicherweise!) an einem der Romanschauplätze das Gehöft und die Nachfahren des grausam behandelten Wirtes suchten … nach 370 Jahren …

… dann kann er was erzählen.

Besonders Autoren auf Lesereise.

Ich z.B. hatte diesmal zwar nur einen abendlichen Termin in Calau (Brandenburg), aber da zum Jahresende hier überall Unmengen von Bauvorhaben begonnen wurden und frau sich über zahlreiche Sperrungen freuen kann … konnte ich wieder nicht auf dem schnellsten Weg heimkommen.

Erst führte mich kurz vor Finsterwalde eine Umleitung nach Berlin … (und da es sich auf der Autobahn schlecht wenden lässt, mussten wir bis zur nächsten Abfahrt – „Huhu Calau, wir sind wieder da!“ – aushalten), dann piepte die Tankanzeige. War nicht so schlimm, es gab ja die Reserve – und wir hatten es nicht mehr allzu weit. Doch leider verpassten wir durch angeregtes Schwatzen unsere übliche Tankstelle – und da wir nicht schon wieder zurück fahren wollten, suchten wir die nächste Möglichkeit auf.

Hätten wir aber nicht tun sollen.

Denn diese Tankstelle war 22.30 Uhr plötzlich geschlossen, die folgende längst pleite gegangen, die dritte ebenfalls verrammelt und verriegelt – und im Reservetank schwappten noch einsame 0,3 Liter … für notwendige 13 km … durch Wälder und Wiesen … und zur allerletzten Gelegenheit mit einem Nachttankautomaten. Boah! Wenn ich nun die EC-Karte nicht dabei gehabt hätte …

… sollte dieses Jahr erstmals mit uns nach Lauchhammer brausen.

Ich hatte enormen Respekt vor diesem Termin, schließlich verfranste ich mich früher regelmäßig in den ausgedehnten Stadtteilen, und diesmal kamen zum fehlenden Navi und der Dunkelheit noch zig Baustellen dazu. Aber die Wegbeschreibung von den Mitarbeiterinnen der Stadtbibliothek war einsame Spitze – wie auch der tolle Sektempfang für die Besucher. Da konnte ja gar nichts mehr schief gehen … dachte ich zumindest.

Anfangs verlief auch alles wie geplant – ich las, wie Jacoff um sein Leben ritt, der Richter in den Brand geriet, der Bürgermeister hilflos die Einnahme seiner Stadt durch die Schweden mit ansehen und Jo den widerlichen Schwedentrunk kosten musste. Außerdem gefielen die zum Roman passenden Volksweisen den Zuhörern, wie auch die anschließende Diskussion über die großen Leiden im Dreißigjährigen Krieg (und die vergleichsweise harmlosen Beschwerlichkeiten von Autoren ;-) )

Deshalb fühlte ich mich immer wohler, scherzte und schrieb fleißig Widmungen …

Lesung in Lauchhammer … gab gern mit auf den Weg, dass die Leser mich ins Mühlberg des 17. Jahrhunderts begleiten und die Abenteuer der Ratsherren mit erleben sollten.

Dumm nur, dass ich gerade den Krimi signierte – der vom Hoyerswerda des Jahres 1990 handelt, wo es weit und breit keine Ratsherren gab.

Ich sitze und entwerfe das neue Konzept für den Nachfolger vom „Sturm der Verdammnis“. Komme nicht recht weiter und genehmige mir daher erst einmal einen heißen, duftenden Kakao … und setze mich mit der Tasse zum Stapel mit den Lieferscheinen, Rechnungen, Bestellungen.

Hebt zwar die Stimmung – aber meinen mittlerweile gut durchwachsenen Hintern muss ich anderweitig hochkriegen. Doch wie kann ich mich motivieren? Da ich lieber entspannt im Sessel telefoniere, als in meinem Steingarten für Ordnung zu sorgen? Lieber im Netz surfe als im angrenzenden Wald zu joggen?

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