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„… Sie wären der größte Verlag hier“, sagte eine mir fremde – aber logischerweise sofort äußerst sympathische – Frau bei der letzten Geschichtsbörse zu mir.
Natürlich waren wir nicht der größte Verlag im Raum, sicherlich auch nicht besonders wichtig
unter den vertretenen Brandenburgern … aber mit dem Tisch und der Präsentation unseres Angebotes hatten wir uns schon große Mühe gegeben. Wir wollten ja schließlich nicht nur verkaufen, sondern auch Kooperationen eingehen.
Und wenn man dann so forsch-freundlich angesprochen wurde … schien es ja zu funktionieren.
Die eingangs erwähnte Verlegerin, sozusagen Kollegin und Vertreterin der Potsdamer Szene stimmte einer Zusammenarbeit (mit Verlinkung) sofort begeistert zu – wie auch ein anderer Mitstreiter, ein Autor (wie ich Liebhaber von unblutigeren Krimis mit dafür psychologischen Blickwinkeln) und Selbstverleger. Schließlich sollte man beim Aufbau eines Netzwerkes Verbündete suchen, wo die Chemie stimmt und deren Produkte man ohne Bauchgrimmen empfehlen könnte
.
Und es ging so toll weiter, als ich mich in der Halle umschaute, den (in meinen Augen wirklich) wichtigen Verlag besuchte, mich jedoch für sämtliche präsentierten Programme interessierte … deshalb auch das Heft von einem kleinen Nachbartisch mitnahm, dabei den dort sitzenden, stillen Mann anlächelte …
… und unversehens von Gesprächen abgelenkt wurde, rasch Interessierte fand und weitere Kontakte knüpfte, anpries und verkaufte, in regen Dialog kam, auch Freunde und Leser traf … und sogar etwas Neues lernte, als eine Frau sich am Ende des Tages für unseren neuesten Roman interessierte … aber kein Geld dabei hatte.
Das war jedoch kein Problem, denn sie gehörte, wie sich herausstellte, zu dem sehr umtriebigen Verleger, mit dem ich mich schon angefreundet hatte und der mir jetzt begeistert zurief:
„Schriftsteller kaufen nicht von Schriftstellern!“
Ich zögerte, guckte offenbar verdattert und bekam die Erklärung hinterher geschoben.
„Schriftsteller tauschen!“
Na gut, tauschten wir auf die Schnelle kleine gegen größere Bücher … und damit weitere Erfahrungen
… obgleich auf die Verlinkung, den Austausch im Web, die gegenseitige Unterstützung und Empfehlung bei kommenden Messen und Märkten freute ich mich schon sehr.
Doch leider hatten die beiden an der Zusammenarbeit so interessierten Kollegen jeweils nur einen Webauftritt mit uralten Neuerscheinungen, keine Terminliste, keine Verlagsvorschau, keine Pressemitteilungen … und auch keine einzige Seite für Links und Partner. Wohingegen der Verlag vom kleinen Nachbartisch mit dem stillen Vertreter sich beim Surfen im Web als ein Juwel entpuppte, mit einem Programm, das mir wirklich gefiel.
Na, da sollte wohl das nächste Mal ich die Initiative ergreifen – und seinen Tisch lautstark loben
.
… hatte Evelin Heimann vom Romanverlag mit ihren 100 Lesungen an 100 Orten gehabt, zu absolvieren an 100 Tagen.
Logisch, dass eine solch hervorstechende Eingebung gewürdigt werden müsste.
Nicht nur von den unermüdlichen Bibliothekarinnen, eindrucksvoll auf dem Markt kämpfenden BuchhändlerInnen und anderen fleißigen Veranstaltern, welche der bewundernswert amüsant und effektvoll vortragenden Frau Heimann die Bühne boten. Für die Vorstellung einer hervorragend geschriebenen, detailreichen, witzigen und sprachlich ausgefeilten Krimikomödie … der Bereitstellung von Getränken und eines geschmackvollen Büfetts in heimeliger Atmosphäre zur Abschlussveranstaltung im eigenen Ort hätte es dann gar nicht mehr bedurft.
Dachte ich, denn schließlich hatte sie auch das Interesse des Bürgermeisters geweckt, eine wirksame Werbemaschinerie in Gang gesetzt – und die Qualität von Autorin und Werk sprach eh’ für sich.
Doch dann … saßen zwar bei der Veranstaltung relativ viele Besucher, aber es waren hauptsächlich die „üblichen Verdächtigen“. Ich vermisste dagegen sich drängelnde Medienvertreter, vor allem die regionalen Fernsehmacher (im Nachbarkreis war eine Sendung möglich gewesen
), die geballte Stadtverwaltung, potentielle Sponsoren
und auch die Lehrer, die die Kinder immer zum Lesen mahnen.
Warum kamen die nicht, opferten ihre Freizeit für einen Kunstgenuss? Was hätte Frau Heimann besser machen können, um sie zu ködern?
Vielleicht hätte sie mit ihren Werken eher einem Trend folgen sollen? Sich als Trittbrettfahrerin beispielsweise auf den Siegeszug der Vampire aufzuschwingen? So wie die als jung angepriesene, in einem sehr großen Publikumsverlag verlegte und in mehreren Ländern vertretene Autorin, die zwar über Begebenheiten im London des 19. Jahrhunderts schrieb, ihren Roman aber nur mit „raffte sie die Röcke“, „setzte sich in die Kutsche“, „puderte sich die Nase“ geschichtlich anreicherte? Dazu aber Unmengen teils englischer Zitate einflocht, auch „doof“ mit „indigniert“ kombinierte, den Großvater mit dem Vater trotz Lektorat verwechselte und manche Handlungen komplett unterschlug? (Dazu erinnerte mich, der zum Fan vom blutsaugenden Edward mutierten, schon ziemlich alten Frau in dem „Werk“ auch viel zu viel an die gelungene Leistung von Stephenie Meyer, die wenigstens aus einem düsteren Mysterium eine höchst begehrenswerte Sache schaffen und die Spannung über Hunderte Seiten hinweg halten konnte …)
Hmm … vielleicht hätte aber Frau Heimann auch den Weg der Provokation gehen sollen? Nicht gerade über feuchte Gebiete und das Ekelzeugs in einfacher Sprache zu schreiben … aber sich vielleicht bei anderen Leuten zu bedienen, über die Quellen zu schweigen und die so gefundenen Entsetzlichkeiten als die ihrigen zu verkaufen – und beim Erwischen das von ihrem großen Publikumsverlag als Vorwand nehmen zu lassen, eine neue Auflage mit dem Quellenverzeichnis auf den Markt zu werfen … und damit in die Vorauswahl für eine respektable Ehrung zu kommen …
Anstatt wie unsereins geschäftsuntüchtig akribisch zu recherchieren, mit Herzblut zu schreiben, mit gnadenloser Verbissenheit für höheren Lesegenuss alles wieder zig Mal umzuschreiben?
Sich dann um die wenigen Lesungstermine mit unzähligen Konkurrenten und einem noch geringeren Budget für die Honorare zu ringen, bei Erfolg danach genauestens auf eine Veranstaltung vorzubereiten, Einladungen zu verschicken, die Presse zu mobilisieren zu versuchen, Bücher zu schleppen, auf Verkäufe und breite Resonanz zu hoffen … dafür sogar ein Büffet mit belegten Broten, Unmengen Früchten, Schnitzel, Lende und Leber auffahren zu lassen?
Während die bescheiden formulierenden, vorwiegend niedere Instinkte befriedigenden Autorinnen Bestseller landen, übersetzt werden, Geburtstagsfeiern unter höchster Mediendichte im angesagtesten Club organisiert bekommen?
Was für ein Wahnsinn … und das im Land der Dichter und Denker.
… sie freuen sich vielmehr. Besonders Kleinverleger(innen)
.
(Wobei – nebenbei bemerkt – die Freude getrübt werden kann, wenn ein Großhändler die Angewohnheit hat, sofort nach Unterschreiten des festgelegten Mindestbestandes jedes Buch einzeln, aller paar Tage zu bestellen … oder das Internet-Bestellformular von Spammern missbraucht wird … doch davor bin wenigstens ich seit dem hervorragenden Einsatz von Marian Kulisch und seiner Software-Entwicklung gefeit.)
Dennoch stutzte ich, als ich im Posteingang bei den Bestellungen für die regionalhistorischen Romane auch eine aus dem Ausland vorfand, meine erste aus der Schweiz – offensichtlich echt.
Schon kam ich ins Grübeln. Wie war das in diesem Fall mit der Umsatzsteuer? Musste ich für die Rechnung etwa auch den Euro in Schweizer Franken umrechnen? (Vorsichtshalber informierte ich mich … und fand in diesem Zusammenhang auch gleich so Verwirrendes wie deren Mehrwertsteuer, zusätzliche Gebühren für die Zollfreigabe und eine zu versteuernde Postvorweisungstaxe … doch zum Glück auch die Angabe der Geringfügigkeitsgrenze.)
Da nun der Herr ordnungsgemäß mein Formular ausgefüllt, per Nachname bestellt hatte – und es als steuerfreie Buchlieferung durchgehen konnte, eilte ich frohgemut zu einer Filiale der Deutschen Post … um zu erfahren, dass Ausländer nicht per Nachname bestellen können. Marschierte ich also mit dem Buch wieder zurück, teilte dem Herrn den neuen Stand mit, der mir daraufhin PayPal anbot – das ich aber nicht nutze.
Nun einigten wir uns auf eine normale Überweisung – jedoch hatte ich ihm die dafür notwendige BIC und IBAN noch nicht mitgeteilt. Kaum war das erledigt, lauerten die nächsten Fallstricke: die Versandkosten. Die selbst beim preiswertesten Anbieter dreimal teurer als von mir (fürs Inland) kalkuliert und (ohne entsprechenden Hinweis) veröffentlicht worden waren. Nun ja, hatte ich Lehrgeld zu zahlen
und schnellstens die Homepage anzupassen.
Damit war es aber noch nicht erledigt.
Durch eine Fehlbuchung und die mir daraufhin zugeschickte Zahlungsanweisung konnte ich meine Französischkenntnisse auffrischen, und durch die gut beim Empfänger angekommene Geschichte entwickelte sich zudem ein angenehmer Kontakt mit dem Herrn vom Genfersee (inklusive großartiger Tipps für die Arbeit mit historischen Fakten) und … weitere Buchbestellungen folgten.
Doch jetzt stutze ich nicht mehr – nun freue ich mich angemessen (und kümmere mich recht bald um die neue Zahlungsmethode PayPal
).
… kommt ein Besucher zum Autor: „Das war wirklich spannend und aufregend.“
„Oh! Danke sehr. Ich freue mich, dass es Ihnen gefallen hat.“
„Besonders die letzte Szene, ach, da hat es mich richtig geschüttelt.“
„Schön … möchten Sie das Buch jetzt kaufen? Soll ich es Ihnen signieren?“
„Warten Sie.“ Er greift in seine Tasche. „Wissen Sie, ich schreibe auch.“
„Ah.“
„Über unheimliche, dramatische und auch witzige Erlebnisse.“
„Aha.“
„Jetzt suche ich nur einen Verlag. Können Sie mir helfen?“
„Hmm …“ (Der Autor hofft noch auf einen Buchverkauf.) „Worum geht es denn genau in Ihrem Manuskript? Um Ihre eigenen Erlebnisse?“
„Ja! Es ist eigentlich eine Autobiografie.“
„Aber Sie selbst waren noch nie im Fernsehen oder im Film zu sehen? Die Leute kennen Sie nicht aus den Zeitungen und Zeitschriften? Sie sind kein berühmter Sportler?“
Das interessiert nämlich die Marketingabteilungen in den Verlagen, die Buchhandelsvertreter und Buchhändler – wenn Sie mit guter Erzählung, Stil und professioneller Schreibe schon den Lektor überzeugt haben.
Denn Ihr Werk soll verkauft und gelesen werden.
Selbst wenn es so unangenehm wie für André Agassi wird.
(Also, ich denke da eher: Weniger ist manchmal mehr.)
Wenn Sie sich mit dieser Idee angefreundet haben, stöbern Sie doch auf Antholog in den unterhaltsamen Interviews und aufschlussreichen Erfahrungsberichten.
Und wenn Ihre Idee konkrete Formen angenommen hat, Sie sich als Freiberufler eine Existenz aufbauen, sich über alle Rechtsformen, Anlaufstellen und Vertragstypen, Geld-, Steuer- und Versicherungsfragen informieren wollen – empfehle ich Ihnen den neuen Rechtsratgeber für Existenzgründer von Eva Engelken.
Übrigens habe ich in diesem Zusammenhang eine interessante Diskussion zum Aufreger der Buchmesse unter http://www.boersenblatt.net/344536/verfolgt und musste lächeln beim Kommentar 44 von Herrn Casimir (bezogen auf Kommentar 17):
„Es ist mir, zugegeben, etwas peinlich, dass erst ein Verleger eingreifen muss, um klar zu machen, was ein Journalist sagen wollte. Nun ja, geschrieben ist geschrieben.“
Aber noch besser gefällt mir der Kommentar 63 von Herrn Reul:
“… Als konkreten Vorschlag zur allseits erwünschten Aufrechterhaltung der Vielfalt an Büchern und Buchmenschen, empfehle ich meinen Buchhandels-Kollegen, jeden Tag ein Buch eines unabhängigen Verlags beim jeweiligen Zwischenbuchhändler zu bestellen. Der sieht dann, daß die Sachen gefragt werden und wird sie auch künftig in seiner Einkaufsliste behalten, und die Kunden bekommen eine Ahnung, was es alles Gutes gibt.“
Recht so!
… und möchten noch mehr über mich erfahren? An meinen Erlebnissen, meinem Umfeld teilhaben? Und an dem, was mir sonst noch am Herzen liegt?
Dann sind Sie hier richtig.





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